Danke, Herr Kaufmann!

Gestern und Vorgestern habe ich die oberflächliche Berichterstattung der Zeitungen kritisiert. Dabei geriet auch der von den beiden Blättern zitierte Nationalrat Hans Kaufmann, SVP, in Mitleidenschaft. Herr Kaufmann hat sich deshalb mit einem substantiellen Kommentar gemeldet.

Die Quintessenz verstehe ich wie folgt. Gute Nachricht: Das Gespenst des Massensterbens von Kleinbanken ist tatsächlich eine Phantasie der beiden Journalisten. Schlechte Nachricht: Der Finanzplatz Schweiz verliert deutlich an verwalteten Vermögen ausländischer Kunden, nicht nur wegen der Finanzkrise und dem Rückgang der Aktienpreise, sonder auch wegen tatsächlicher oder befürchteter Entwicklungen im Bereich Bankgeheimnis/Abgeltungssteuer. Und weil die Behörden zu schüchtern auf die Gegenleistung EU-Marktzugang pochen.

Es lohnt sich, den Artikel von Hans Kaufmann genau zu lesen. Ich danke ganz herzlich für die Zuschrift!

Abwanderung — deuxième service.

Wie schnell man jemandem Unrecht tut! Gestern habe ich 20Minuten gescholten wegen oberfächlicher Berichterstattung. Heute serviert die NZZ (Titelblatt und S.25) dieselbe Suppe. Nicht ganz so heiss, sondern mit dem Tag Verzögerung, an dem man den seriösen Journalismus erkennt, und mit weiteren Zitaten „angereichert“. Wir lesen zum Beispiel, dass Banken auch Schrankfächer vermieten. Der Motor der Story ist jedoch immer noch die Aussage des SVP-Nationalrats, wonach die Abgeltungssteuer die kleinen Schweizer Banken bedrohe. Immerhin bezeichnet die NZZ dessen Schätzungen als „am obersten Ende der Marktschätzungen“. Vor allem aber erfahren wir endlich die tiefere Ursache der kommenden Abwanderung deutscher Vermögen: „Hiesige Politiker und Banker könnten sich nicht in ausländische Bankkunden hineindenken“, wird der Nationalrat zitiert. Wir können nicht beurteilen, welche Partei sich von allen am besten in ausländische Staatsangehörige einfühlt. Der Autor des NZZ-Artikels wäre dazu besser plaziert gewesen. Er ist nämlich deutscher Staatsangehöriger. Leider hat er — seriös und einfühlsam  — die eigene Meinung für sich behalten. Dafür und damit er nicht wieder aus 20Minuten rezyklieren muss, schenken wir ihm ein Jahresabo für den Batz.

247 Schweizer Banken bedroht?

Der Titel (ohne Fragezeichen) steht auf der Frontseite (und auf S. 15) der heutigen Ausgabe von 20Minuten — als Schreckmümpfeli für die schon durch Regen und Kälte strapazierten Pendler. Schon wieder Bankzusammenbrüche? Warum denn? Die grosse Gefahr: Die Abgeltungssteuer auf ausländischen Vermögen in der Schweiz. Sie bedroht alle kleinen Banken. Das sind 247 Institute.

Wie kommt man zu diesem Befund? Man nehme — erstens — die Aussagen eines Ex-Chefökonomen einer (grossen) Vermögensverwaltungsbank und SVP-Nationalrats, „viele von ihnen werden bankrott gehen“, weil ihnen Schwarzgeldkunden davonlaufen. Man füge hinzu die profunde Aussage des „Finanzplatzexperten bei Avenir Suisse“, wonach „klein“ gleich Bilanzsumme von unter 10 Mrd. Fr. sei. Und findet in dieser Grössenklasse in der SNB Statistik doch sage und schreibe 247 Banken.

Niemanden kümmert dabei die Tatsache, dass unter diesen 247 Banken immerhin gut 70 Regionalbanken zu finden sind, ferner eine breites Spektrum von Instituten, angefangen bei der BZ Bank, Freienbach, bis hin zur Alternativen Bank, Olten, oder der WIR Bank Genossenschaft, Basel, deren Geschäftsmodelle alle kaum auf Schwarzgeld beruhen dürften. Niemand macht sich ferner die Mühe, die geschätzten Abzüge von 100-200 Mrd. Fr. zu hinterfragen oder wenigstens in bezug zum viel, viel grösseren gesamten Volumen der in der Schweiz verwalteten Gelder zu setzen und entsprechend zu relativieren. Und niemand erwähnt, dass  ein Abzug verwalteter Vermögen nicht dasselbe ist, wie ein Rückzug von Spar- oder anderen Einlagen (der eine Bank tatsächlich in den Bankrott stürzen kann), mit anderen Worten, dass man eine Vermögensverwaltung auch zurückfahren kann, ohne gleich Konkurs zu gehen.

Warum meine Aufregung? Erstens, weil das Bankgeschäft in extremem Masse vertrauensabhängig ist. Und weder die kleinen, noch die grossen Banken brauchen eine aus dünner Luft gegriffene Panikmache. Zweitens, weil ich gelegentlich für Interviews angefragt werde, gerade auch von Gratiszeitungen. Dabei stehe ich vor einem Dilemma. Einerseits: Wenn ich nichts sage, sagt ein anderer vielleicht etwas noch Dümmeres. Andererseits: Wenn ich etwas sage, mache ich mich zum Gehilfen einer Presse, die dem Leser mit der Illusion kurz-und-bündiger Information Gammeltexte unterschiebt. Was tun? Anregungen wären mir höchst willkommen.

Internationale Finanzmarkt“architektur“

In den vergangenen Tagen haben uns gleich zwei leitende internationale Gremien mit ihren Vorschlägen zur Bankenregulierung verwöhnt. Das von der G20 geschaffene FSB (Financial Stability Board) traf sich in Seoul und erliess Empfehlungen auf höchster Abstraktionsebene. Diese lesen sich wie ein Weihnachts-Wunschzettel. Mehr Kapital und Liquidität figurieren an erster Stelle. Es folgt der Wunsch nach einer Lösung der faktischen Staatsgarantie für Grossbanken (im Jargon: SIFIs, für „systemically important financial institutions“). Gefordert wird zum Beispiel eine „Capacity to resolve national and global SIFIs without disruption to the financial system and without taxpayer support“. Da auf einen richtigen Wunschzettel auch Dinge gehören, von denen man weiss, dass man sie nicht bekommen kann, folgt auch „Increasing supervisory intensity and effectiveness“. Leider sagt uns das FSF nicht, wie wir die Aufseher dazu bringen, einer Bank auf die Hühneraugen zu treten, deren Vertreter das Zehn- bis Hundertfache des Aufsehers verdienen, und die zu seinen wenigen möglichen künftigen Arbeitgebern zählt. Viel mehr als hübsches Geschenkpapier hat das FSF nicht geboten.

Der Inhalt der Päckli muss ohnehin von den nationalen Behörden und Gesetzgebern geliefert worden. Einen ersten Blick auf den Gabentisch hat die EU-Kommission mit ihrem Bericht vom 10. Oktober 2010 erlaubt. Da liegen die phantasielosen „Bessere Aufsicht“, „mehr Prävention“, die es zu jeder Weihnacht gibt, aber noch nie viel genützt haben. Dann aber schimmert durchs Papier die Aufschrift „Debt write down“. Das ist das, was wir uns sehnlichst gewünscht haben. Ohne Schuldenkürzung oder -umwandlung ist eine Insolvenz nicht zu beheben. Die ebenfalls vorhandenen Päckli „Umstrukturierung“, „Good bank — bad bank“, etc. sind nämlich unbrauchbar ohne klare Zuweisung der Verluste. Deshalb stürze ich mich auf „Debt write down“ und was finde ich? Erstens den richtigen Hinweis, dass es nicht ohne geht, und dann den ebenfalls richtigen Hinweis, dass nicht-EU-Jurisdiktionen eine Kürzung der Schulden einer EU-Bank kaum hinnehmen würden. Es folgen dann zwar genauere „Cross-Border“-Erläuterungen, aber bei der EU heisst „grezüberschreitend“ stets: innerhalb der EU.

Die Kernfrage, „Wie kürzt man Schulden, ohne das Insolvenzrecht zu bemühen und eine Rechtskrieg mit amerikanischen Behörden und Anlegern zu entfesseln?“ wird nicht weiter diskutiert, abgesehen von einer schüchtern-beiläufigen Erwähnung der Idee der „contingent convertibles“, wie sie von der Expertengruppe des Bundes vorgeschlagen wurden.

Anstatt sich mit der schwierigen, aber unvermeidlichen Frage der Schuldumwandlung auseinanderzusetzen, greift die EU-Kommission erneut zur Idee eines von den Banken zu äufnenden Stabilitätsfonds. Die hanebüchene Begründung: Die Banken, nicht die Steuerzahler, sollen für Bankenkrisen zahlen. Weshalb aber die guten Banken für die schlechten zahlen sollen, bzw. warum dies besser ist als wenn die Steuerzahler zahlen, wird nicht erklärt.

Kurz: Die EU-Kommission bietet ein Musterbeispiel an Entscheidungsschwäche und konzeptioneller Ratlosigkeit. Mangels konzeptionellem Kompass will sie von allem etwas: Mehr Kapital, mehr Liquidität, mehr Überwachung, weitergehende Kompetenzen für die Behörden, mehr Töpfe, aus denen Banken saniert werden können. Mehr Gremien, die mit vagen Aufträgen ausgestattet sind, hat sie letztes Jahr schon geschaffen. Wetten, wer inskünftig bezahlt: Steuerzahler oder Banken? Ganz einfach: Beide.

Les heures sont des trésors

Laut Pressemeldungen (zum Beispiel im Tagesanzeiger) will ein Teil der SVP die Sommerzeit abschaffen, da diese laut einer Ärztin zu verschiedenen Leiden führt. Wie sind keine Mediziner; wir möchten nur eine wirtschaftshistorische Fussnote anbringen. Sie lässt vermuten, dass die SVP auch nicht mehr ist, was sie einmal war.

Nämlich: Nicht nur die Sommerzeit, überhaupt diese weder kinder- noch erwachsenengerechte fixe Zeiteinteilung ist zutiefst unschweizerisch und gehört lebenslänglich ausgeschafft. Früher galt die Sonne als Zeitmessserin, und im Winter waren halt die Stunden am Tag kürzer und in der Nacht länger. Im Sommer umgekehrt. Erst die Kommerzialisierung des Handwerks führte dazu, dass der Küfer für die Herstellung eines Fasses im Sommer und im Winter gleich viele Stunden aufschreiben musste. Und die vermaledeite Globalisierung — sprich: Eisenbahn — zwang die Seuzacher dazu, ihre Kirchturmuhr mit der der Winterthurer zu synchronisieren. Und seither prügeln wir unsere Kinder im Sommer bei strahlendem Sonnenschein ins Bett und im Winter bei Stockdunkelheit hinaus.

Es gibt für die Schweiz nur zwei Lösungen. Entweder den konsequenten Alleingang, das heisst: die Uhren wieder nach der Sonne richten und das Teufelszeug der fixen Stunden und Zeitzonen, samt Staatseingriff in Form von Sommer- oder Winterzeit, fahren lassen. Oder sich der Globalisierung beugen und auf die vom Schweizer Industrieflaggschiff Swatch schon längst propagierte Internetzeit (näheres bei Wikipedia) umzustellen (Wir schreiben im Moment @361.beats, und zwar überall auf der Welt.) Die Internetzeit (der Nullmeridian verläuft durch Biel!) brächte der Schweiz einen immensen Standortvorteil, da sich unsere Jungen ohne Zeithandicap auf Facebook und Google tummeln könnten. Und niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, weil der Chef noch um Mitternacht Emails beantwortet.

Gesunder Alleingang oder global erfolgreiche Selbstaufgabe? Die Zeitbome, der Konflikt zwischen SVP und Economiesuisse, tickt bereits. Der bilaterale Weg des nationalen Herumschraubens an der Zeitmessung als Kompromiss ist jedoch keine Lösung. Die ewig wiederkehrende Diskussion über die Abschaffung der Sommerzeit (jetzt wo sich die Kühe endlich dran gewöhnt haben), bereitet mir tatsächlich schlaflose Nächte.

Expertenbericht TBTF

Der Schuss ist raus: die Expertenkommission des Bundes zur „Limitierung von volkswirtschaftlichen Risiken durch Grossunternehmen“ (Too big to fail, TBTF) hat ihren Schlussbericht publik gemacht. Eine erste Durchsicht zeigt Gutes und Schlechtes.

Zuerst die gute Nachricht: Der Bericht nennt das Kind beim Namen: Die faktische Staatsgarantie ist eine Subvention mit hohen Kosten und Risiken für die Steuerzahler. Der Bericht schlägt vier Kernmassnahmen vor (Eigenmittel, Liquidität, Risikoverteilung, Organisation). Der eigentliche Kern sind jedoch die Vorschläge zum Thema Eigenmittel. Hier übernimmt der Bericht im wesentlichen die Vorschläge unseres Gutachtens vom Juli 2010: Es braucht deutlich mehr haftende Substanz, bestehend aus Eigenmitteln und aus Schulden, die im Krisenfall gekürzt oder in Eigenmittel verwandelt werden können. Die gesamten Anforderungen müssen über Basel 3 hinausgehen. Ebenfalls übernommen wurde der von der Grösse (Bilanzsumme, Marktanteil) abhängige Eigenmittelzuschlag. Ein Teil der geforderten Eigenmittel soll als „contingent convertible bonds“ (bedingte Pflichtwandelanleihen), kurz: CoCos, emittiert werden können.

Leider gibt es auch schlechte Nachrichten. Erstens bemessen sich die Eigenmittelanforderungen an den risikogewichteten Assets, genau wie bei Basel 3. Wenn aber die Finanzkrise eines gezeigt hat, dann dass die Risikomessung im entscheidenden Moment versagt. Krisen kommen oft oder meist aus dem toten Winkel. Risikomessung ist sogar dann unzuverlässig, wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen wurde. Aber erst recht gefährlich wird sie, wenn die Banker ein Interesse haben, geringe Risiken auszuweisen (zum Beispiel damit Boni fliessen). Sie beherrschen die Kunst, die gemessenen Risiken abzubauen, aber die effektiven Risiken zu erhöhen.

Zweite schlechte Nachricht. Auf den Eigenmittelzuschlag für Grösse, den mutigsten Teil der Vorschläge, gibt es einen Rabatt. Je besser die Bank glaubhaft machen kann, sich durch ihre Organisation im Krisenfall aufteilbar gemacht zu haben, desto grösser der Rabatt. Leider funktionieren diese Aufteilungspläne nur in behördlichen Wunschträumen.

Ein grundsätzlich richtiges Konzept wird also an zwei nicht tragfähigen Nägeln aufgehängt: Der Messbarkeit der Risiken durch die Banken selbst und der Organisierbarkeit der Aufteilung im Krisenfall.

Drittens schliesslich sind die vorgesehenen Eigenmittelanforderungen zwar strenger als Basel 3, aber nicht streng genug, um das TBTF-Problem zu lösen. Die Anforderungen wurden kalibriert auf die schweizerischen Erfahrungen aus der Finanzkrise. Dabei geht vergessen, dass die Finanzkrise für die Schweiz und die UBS, als Hauptbetroffene, trotz allem eigentlich glimpflich ablief, gemessen an früheren Krisen und an ausländischen Erfahrungen. In der Krise der frühen 1990er Jahre („Regionalbankenkrise“) verloren die Grossbanken 12,5 Prozent des Kreditvolumens. Dies wären heute rund 75 Milliarden Franken. Die von der Expertengruppe geforderten (bei heutigen Zahlen) 19 Prozent der risikogewichteten Assets beträgt gerade etwa so viel. Dabei ist aber nicht eingerechnet, dass die Banken ihre Bilanzen an das neue Konzept anpassen werden; auch nicht eingerechnet ist, dass die Banken die vorgesehenen Grössenpuffer wesentlich abbauen werden, indem sie den Organisationsrabatt abholen.

Dass die Arbeitsgruppe überhaupt soweit gekommen ist, ist namentlich den Behördenvertretern hoch anzurechnen. Die Banken und ihre Verbündeten haben massiv Druck gemacht, mit Abwanderung, Kreditklemme und der Pest gedroht. Sie haben sogar hart auf den Mann gespielt. Nur eines haben sie nicht: Ein einziges vernünftiges Argument gebracht, weshalb mehr Eigenmittel anstelle hoher Fremdfinanzierung teuer sein soll. Eigenmittel sind nur teuer für TBTF-Banken und für Manager, die ihre Boni nicht gerne mit den Aktionären teilen. Jeder, der diese Botschaft im Bundesrat und im Parlament verbreitet, tut etwas zur Lösung des TBTF-Problems und zur Erhaltung der Schweiz als Wirtschaftsstandort.

Link zum Bericht der Expertenkommission des Bundesrates
Link zur Studie Faktische Staatsgarantie für Grossbanken

Gier gegen Fairness

Es sieht aus, als spiele Gott gegen den Teufel. Stellen Sie sich vor: Sie dürfen mit einem unbekannten Gegenüber 100’150 Britische Pfund teilen. Einziger Haken: Beide müssen in geheimer Abstimmung wählen zwischen „Teilen“ und „Stehlen“. Wenn beide teilen, wird 50:50 geteilt. Wählt einer „Stehlen“, der andere „Teilen“, geht die ganze Summe an den Stehlenden, der andere geht leer aus. Wollen beide Stehlen, gehen beide leer aus. Zur Veranschaulichung die Auszahlungmatrix.

Dieses üble Spiel existiert. In der Schlussrunde des  britisches Fernsehquiz „Golden Balls“ kämpfen die beiden Gegner mit Teilen oder Stehlen um den Jackpot. Wir empfehlen dringend eine Kostprobe. Hintergrundinformationen finden sich in Wikipedia.

Raten, wer kooperiert und wer stiehlt? Die empirische Analyse ergibt kaum Unterschiede im Verhalten zwischen Mann und Frau, Stadt und Land, Schwarz und Weiss, etc. Frauen sind jung etwas kooperativer, Männer eher mit dem Alter. „Gentleman-Effekte“ (Männer kooperieren mit Frauen) sind kaum feststellbar (wir schämen uns). Am traurigsten: Je höher die Beträge, desto eher wird gestohlen.

Das Spiel existiert auch im richtigen Leben. Ökonomen kennen es als Gefangenen-Dilemma. Es zeigt, dass Gier nicht unbedingt eine menschliche Schwäche ist, sondern in der strategischen Ausgangslage angelegt sein kann, in einem Spiel, in dem der Teufel von Anbeginn die besseren Karten hat als der liebe Gott.

Eigenmittel sind nicht teuer!

Mitten in die Diskussion, wieviel Eigenmittel die Schweizer Grossbanken Banken halten sollten, platzt eine Bombe: Die vier renommierten Ökonomen Anat Admati, Peter DeMarzo, Martin Hellwig und Paul Pfleiderer behaupten in einem Arbeitspapier der Stanford University schlicht: „Die Behauptung, Eigenmittel seien teurer als Fremdmittel, ist eine Legende.“  Eine hohe Fremdfinanzierung (leverage) ist nach Meinung der Autoren nicht erstrebenswert — nicht aus Sicht der Bank und schon gar nicht aus Sicht der Gesamtwirtschaft. Das Papier zieht die Konsequenzen aus den seit 1958 bekannten Modigliani-Miller-Theoremen, wonach die Finanzierungskosten nur unter bestimmten Voraussetzungen von der Leverage abhängen. Die Autoren prüfen diese Voraussetzungen und verwerfen die Gründe, die zugunsten einer hohen Leverage der Banken sprechen könnten.

Weshalb sich die Banken in den 65 Jahren seit der Formulierung der Modigliani-Miller-Theoremen nie ernsthaft mit diesen auseinandergesetzt haben und warum auch die Wissenschaft viel zu wenig unternahm, um den Mythos der teuren Eigenmittel zu hinterfragen, bleibt ein Geheimnis der Geistesgeschichte. Doch lieber spät als nie. Wenigstens kamen Admati, DeMarzo, Hellwig und Pfleiderer gerade noch rechtzeitig, bevor die Arbeitsgruppe des Bundes zur faktischen Staatsgarantie ihre Empfehlungen abliefern muss.

„Weil noch das Lämpchen glüht“

So sangen wir in der Primarschule, um uns des Lebens zu freuen. Ab heute, 1. September 2010, darf das Lämpchen in Form der guten alte Glühlampe nicht mehr mit gutem Gewissen glühen. Alle Rettungsversuche sind gescheitert. Lampen- und Lichtdesigner haben für die Glühbirne gefochten. Techniker haben darauf hingewiesen, dass die ökologischen Vorteile geringer sind, als die Behörden behaupten. Wer sparsam heizt, weiss, dass die angeblich so
verschwenderische Glühbirne einen gar nicht so schlechen Wirkungsgrad hat: Schätzungsweise zwei Drittel ihrer Leistung erbringt sie in den dunklen und kalten Wintermonaten, wo die verpönte Abwärme höchst willkommen ist. Zu guter letzt haben Ökonomen neulich im Economist dargelegt, dass bisher noch jeder Fortschritt der Lichterzeugung die Nachfrage nach Licht und den Energieverbrauch letztlich erhöht hat.

Doch alle Argumente waren für die Katz (die sieht auch im Dunkeln). Die Glühbirne wird sich zwar ersetzen lassen: Ein Schaden allerdings bleibt. Dem staunenden Publikum wurde einmal mehr vorexerziert, wie die Behörden mit Null-Toleranz gegen ein Scheinproblem vorzugehen wissen, wenn die Lösung (a) Gewinne für eine gut organisierte Partei (die Lampenhersteller) und (b) Kosten für eine schlecht organisierte Parte (die Haushalte) bringt.

Darunter leidet die Glaubwürdigkeit, zumal es zum Beispiel in der Schweiz nicht gelingt, die CO2-Produktion im Strassenverkehr zu besteuern (gut organisierte Gegnerschaft). Der Umwelt ist damit ein schlechter Dienst getan. Klimaschutz ist ein öffentliches Gut und wird als solches vom Markt in sub-optimaler Menge und/oder Qualität produziert. Das sehen wir als Ökonomen ein. Staatliche (und internationale) Eingriffe haben durchaus Sinn. Nicht aber bürokratische Schikanen wie die Ausrottung der Glühbirne. Es wäre wichtig, die durchaus vorhandene Bereitschaft zum Klimaschutz dort einzufordern, wo dieser etwas bringt, statt sie zu mit Alibi-Schikanen zu unterlaufen.

Die Aus für die Glühbirne ist ein Sieg von Bürokratie und Interessengruppen über Freiheit und gesunden Menschenverstand. Früher musste noch das Arbeitsplatzargument herhalten (man lese: Fréderic Bastiat: „Petition der Kerzenzieher gegen die unfaire Konkurrenz der Sonne“ von 1845 (deutsch oder im Original französisch). Heute sticht der Joker „Klima“. Die globale Erwärmung ist allein schon schlimm genug. Doch zusätzlich beschleunigt sie auch die globale Bürokratisierung.

Best of Batz

Wie Lukas im vorangegangenen Eintrag gemeldet hat, feierten wir den hundertsten Batz-Beitrag. Grund, kurz innezuhalten und zu fragen: Welche der hundert Artikel sind im nachhinein noch lesenswert? Die richtige Antwort ist: (fast) alle. Dennoch haben wir die magische Zahl von sieben Artikeln herausgepickt, die uns — jeder auf seine Art — irgendwie besonders scheinen. Die Auswahl ist hochgradig subjektiv und nicht als Qualitätsurteil gemeint. Ausgewählt wurden (in chronologischer Reihenfolge):

Der Erste (Urs Birchler, 1. Januar): „Daumendrücken für Philipp Hildebrand“ für die prophetische Aussage: „Bisher ging es darum, die Reputation in der Geldpolitik nicht aufs Spiel zu setzen mit einem Misserfolg in der Finanzmarktstabilität. In nächster Zukunft liegt die Sache genau umgekehrt. Die SNB darf sich keinen Fehler in der Geldpolitik leisten, um ihre Reputation in der Finanzmarktstabilität nicht zu gefährden.“

Der Feinste (Monika Bütler, 9. März): „Des Guten zuviel“ für die Sorgfalt, mit der die beiden Monikas zeigen, wie wir die Alten zum „Abzocken“ zwingen. Positiv ausgedrückt: „Der transferierende Staat senkt die Zahl der wählbaren Lebensentwürfe“.

Der Verzweifeltste (Monika Bütler, 11. März): „Harter Fall statt Härtefall“ für den beherzten Einsatz der polit-ökonomischen Ambulanz.

Der „Nützlichste“ (Monika Bütler, 9. April): „Ein Studium des Nutzens von Nutzenstudien“ für den Kampf gegen unausrottbare Nutzlosigkeiten.

Der Düsterste (Uwe Sunde, 15. Mai): „Verschuldung und Demographie: Wann werden Staatsanleihen toxisch?“ für die nüchterne Darstellung der demo-fiskalischen Zeitbombe. Niemand soll sagen, die Ökonomen hätten nicht gewarnt.

Der Aufrechteste (Gebhard Kirchgässner, 31. Mai): „Der Fünfer und das Weggli: Zur Reform der Besteuerung des privat genutzten Grundeigentums“ für die Lanze im Kampf gegen die Windmühlen der Subventionierung der Hauseigentümer.

Der Meistzitierte (Marius Brülhart, 3. Juli): „Imaginärer Steuerwettbewerb“ für den mustergültigen Einsatz ökonomischer Analyse zur Abwehr politischen Aberglaubens.

Wir danken an dieser Stelle nicht nur allen Autoren für die anregenden Beiträge, sondern auch den Lesern für die zahlreichen ermunternden Rückmeldungen. Wir freuen uns, den Batz(en) weiter rollen zu lassen.