Ich bin leider beim Bergsteigen nicht ganz schwindelfrei. Schwindelgefühle anderer Art packen mich bei der Lektüre der Argumente der UBS gegen die Vorschläge des Bundesrates zur Problematik der faktischen Staatshaftung. Zuerst: Wettbewerbsnachteil! Dann: Wir ziehen aus! Neuestens: Wir sind anders! Und nie auch nur mit einem vagen Hinweis auf warum, wie genau oder wieviel. Geschweige denn eine Zahl. Drum ist mir gestern das Interview mit Der Landbote etwas angriffig geraten. Reuen tut es mich nicht: Diese Bank wird (von zweien ihrer Vertreter) unter ihrem Wert verkauft. Mögen die Herren doch einmal trittsicher hinstehen und sagen: (1.) Wir sind eine erstklassige Bank [ist nämlich wahr] und brauchen keine Staatsgarantie, (2.) Wir verstehen, dass ohne Änderungen die Staatsgarantie nicht einfach verschwindet, und (3.) Wir stehen zum Expertenbericht, den wir mitunterzeichnet haben. Und bei der Gelegenheit: (4.) Danke, liebe Eidgenossen, für die dreimalige Rettung!
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Icesave zum Zweiten
Morgen, Samstag, entscheiden die isländischen Stimmbürgerinnen und -Bürger über ein neues revidiertes Icesave-Paket. Es geht darum, ob Island für die Schulden seiner Banken gegenüber englischen und niederländischen Gläubigern haftet oder nicht. Im März 2010 hat Island eine frühere Icesave-Vorlage abgelehnt — im Einklang mit unseren Empfehlungen! Batz lesen spart Milliarden! Das morgen zur Entscheidung vorliegende Paket kostet nur noch ein Drittel. Ob es angenommen wird, ist fraglich. Mehr und mehr berichten die neusten Umfragen von einer leichten Führung der Nein-Sager (55-57% dagegen, bei 40-24% unentschieden). Vor einem Monat war das Sentiment noch umgekehrt. Die Stimmung ist angespannt — angeblich wurden die dem Referendum positiv gesinnten Politker körperlich bedroht. Die offizielle Webseite des Volksreferendums versucht, die Befürworter mit einer Gegenüberstellung der Ja und Nein Argumente an die Urne zu bringen.
Die isländische Presse (Morgunbladid) von heute ist beschäftigt mit einer angeblichen Anschuldigung (Verletzung demokratischer Rechte) von Fischerleuten aus dem Norden von Island, die zu dieser Zeit des Jahres auf hoher See sind und nicht rechtzeitig zur Wahl wieder auf das Festland zurück kommen werden. Seien sie dann Menschen zweiter Klasse, zähle ihre Meinung nicht? Hinzugefügt sei, dass diese Fischerleute aus Saudarkrokur kommen, einer Gegend in Island, wo „wahre Männer“ mit einer Fackel in der Hand die Nationalhymne singend durch das Meer schwimmen (siehe Karte). In einem kleinen Land wie Island mit knapp 320´000 Einwohnern zählt morgen jede Stimme.
Martin Hellwig zur Schweizer Bankenregulierung
Bald endet die Vernehmlassungsfrist zu den vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen gegen die faktische Staatsgarantie für Grossbanken (Revision des Bankengesetzes). All denen, die ihre Stellungnahme noch nicht abgegeben haben, sei dringend das Referat von Prof. Martin Hellwig vom kommenden Donnerstag in Bern empfohlen. Martin Hellwig ist einer der allerbesten Ökonomen im deutschsprachigen Raum und gehört auch weltweit zur Spitze. Wir kennen kaum einen Kollegen, der auch ausserhalb der Fachpublikationen derart präzise und klar denkt und spricht.
Im falschen Film
In der neuesten Ausgabe der Weltwoche erreicht die Hetze gegen die Nationalbank und ihren Präsidenten Philipp Hildebrand einen neuen, für mich bisher unvorstellbaren Höhepunkt. Kurzfassung: Chefredaktor Roger Köppel möchte den Präsidenten des Direktoriums absetzen. Der Artikel geht sogar so weit, Hildebrand zu vergleichen mit Jérôme Kerviel, der wegen unrechtmässig erzielter Verluste für seine Bank Société Générale zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde (in zweitletzter Instanz).
Es wäre verlockend, jetzt in den Nahkampf einzusteigen und im einzelnen zu zeigen, wie verdreht Köppels Vorwürfe allesamt sind. Sie sind es jedoch nicht wert, daher nur ein einziges Beispiel: Der Weltwoche ist es offenbar unwohl mit Ihrer Schlagzeile „La crise n’existe pas“, die sie wenige Tage vor der notwendigen Rettung der UBS durch Bund und Nationalbank publizierte. Sie will jetzt aber doch recht gehabt haben, da im Frühjahr 2010 alles schon wieder besser ausgesehen habe. Dass die Lichter in der Schweizer Wirtschaft aber nicht ausgegangen sind, liegt gerade daran, dass die Verantwortlichen bei Bund, FINMA und Nationalbank die Krise nicht geleugnet, sondern bekämpft haben. Zweimal falsch gleich richtig, rechnet die Weltwoche.
In der Schweiz darf man die Notenbank und ihre Exponenten ungestraft mit publizistischem Giftschlamm abspritzen. Die Unabhängigkeit der Presse ist ein hohes Gut. Ein ebenso hohes Gut ist die Unabhängigkeit der Nationalbank. Sonst würden nämlich Notenbankpräsidenten abgesetzt, weil sie der Politik oder der Presse nicht passen. So geschehen letztes Jahr in Argentinien, weil die Regierung kurzerhand dringend die Währungsreserven „brauchte“. Die Unabhängigkeit der Nationalbank hat uns über hundert Jahre eine Währung beschert, um die uns die Welt beneidet, und die den Grundstein unseres Finanzplatzes darstellt.
Gerade jetzt ist die Unabhängigkeit der Nationalbank besonders wichtig. Die Nationalbank hat an vorderster Front für eine Lösung des „Too big to fail“-Problems gekämpft. Nicht bei allen Bankvertretern ist dies populär. Daher die Angriffe unter allen Gürtellinien auf Präsident Hildebrand. „Er hat bewiesen, dass er es nicht kann“, zitiert die Weltwoche einen „der erfahrensten und intelligentesten Bankiers des Landes“. Anonym, selbstverständlich. Es gibt aber eine wachsende Zahl von Bankenvertretern, die verstehen, dass Staatshilfe den Finanzplatz langfristig untergräbt. Für sie wäre es höchste Zeit für ein „coming out“ — zugunsten der Unabhängigkeit der Nationalbank.
Best of Economics
Die führende Fachzeitschrift American Economic Review feiert ihr 100-Jahr-Jubiläum. Sie hat deshalb Rückschau gehalten und ihre 20 besten Artikel aus diesem Zeitraum gekürt (die Jury bestand aus: Kenneth J. Arrow, B. Douglas Bernheim, Martin S. Feldstein, Daniel L. McFadden, James M. Poterba and Robert M. Solow).
Zu den 20 Arbeiten gehört auch der Aufsatz von Modigliani und Miller aus dem Jahr 1958, der zeigt, dass eine eine Unternehmung ihre Finanzierungskosten nicht einfach dadurch beeinflussen kann, dass sie an der Mischung zwischen Eigenkapital und Fremdkapital schraubt. Der Aufsatz sollte Pflichtlektüre sein für alle, die auch im Jahre 2011 noch ohne genaueren Nachweis behaupten „Kapital ist teuer“. Dieser Irrtum ist vor allem in Bankkreisen noch immer verbreitet (und löst sogar gelegentlich Umzugsphantasien aus). Ich habe im Batz schon darüber geschrieben; wer’s von seriösen Ökonomen lesen möchte, klickt hier. Aber eigentlich ist es einfach: Kapital ist nicht teuer — Risiko ist teuer.
Frühling für CoCos
Heute hat die CS die Ausgabe sogenannter CoCo (Contingent Convertible) Bonds angekündigt. Dies sind Schuldverschreibungen, die sich automatisch in Eigenmittel verwandeln, wenn die Kapitalisierung des Emittenten, hier: der Bank, unter ein bestimmtes Niveau sinkt.
Die Bank passt sich damit an die von der Expertengruppe des Bundes vorgeschlagenen Regeln an. Vor allem aber setzt sie einen Gedanken in die Praxis um, der in der oft als Elfenbeinturm belächelten akademischen Sphäre entwickelt worden ist. Die Idee der CoCos geht zurück auf den Vorschlag der Reverse Convertible Notes in Doherty, N., and Harrington, S. (1997) “Managing Corporate Risk with Reverse Convertible Debt” (Working Paper, Wharton).
Von Vertretern der CS wurde die Idee aufgenommen durch P. Calello und W. Ervin in “From bail-out to bail-in” im Economist vom 28. Februar 2010. Für die Schweiz habe ich die CoCos propagiert in meiner Antrittsvorlesung an der Uni Zürich vom April 2010 und später, zusammen mit meinem Team, im Gutachten zuhanden von SP Schweiz. Anschliessend übernahm sie die Expertengruppe des Bundes. Jetzt will die CS mit der Emission von CoCos Ernst machen.
Fazit: Es gibt eben doch nichts praktischeres als eine gute Theorie.
Haben die Grossbanken noch Staatsgarantie?
Was meint eigentlich der Markt zur impliziten Staatsgarantie für Grossbanken? Besteht sie noch oder besteht sie nicht mehr? Eine mögliche Antwort liefern die Risikoprämien, welche die Banken und der Bund am Markt zahlen müssen. Zu diesem Zweck haben wir die Korrelation der Risikoprämien für die drei Paare UBS-CS, UBS-Bund und CS-Bund berechnet. (Die Korrelationen sind berechnet für ein rollendes 30-Tage-Fenster und aufgrund der Preise für 5-jährige Credit Default Swaps).
Die Resultate sind ersichtlich aus der Grafik:
- Die beiden Grossbanken werden im Markt, was die Risiken betrifft, als siamesische Zwillinge wahrgenommen. Ihre Risikoprämien sind trotz unterschiedlicher Geschäftspolitik fast perfekt korreliert. Dies deutet darauf hin, dass sie nach wie vor als Too-big-to-fail gelten.
- Die Risikoprämien von Bund einerseits und den beiden Grossbanken andererseits waren im Sommer 2010 noch hochkorreliert. Im Oktober fiel die Korrelation — vorübergehend sogar in den negativen Bereich. Es scheint, als ob die Publikation des Expertenberichts Siegenthaler die Befürchtungen, eine Grossbank könnte den Bund ins Verderben reissen, vorübergehend gebrochen hätte (zwischen den gelben Markierungen das 30-Tage-Fenster nach der Publikation).
- Seit November scheinen die Märkte wieder unentschlossen; vielleicht warten sie ab, was das Parlament aus dem Expertenbericht machen wird.
Adventskalender 8
Heute vor 13 Jahren wurde den Aktionäre von UBS und Bankverein die Fusion der beiden Banken verkündigt. Vollzogen wurde sie im Juni folgenden Jahres. Unser Vorschlag: Heute abend im Kerzenschein ein bisschen conjectural history betreiben und darüber nachdenken: Wie wäre es wohl gekommen ohne Fusion? Wie ginge es weiter? Wer lange genug in die Kerzenflamme schaut, sieht vielleicht den Schweizerischen Bankverein auferstehen …
Sichere Banken — ein Lehrfilm der CS
Angriff ist die beste Verteidigung. Die CS hat erkannt: Too-big-to-fail ist kein Geschäftsmodell (mehr). Der Steuerzahler will Banken nicht mehr subventionieren. Die CS stellt sich deshalb voll hinter den Bericht der Expertenkommission des Bundes. Vor allem aber hat die CS das Konzept verfilmt. Mit Vereinfachungen, versteht sich, aber dafür allgemein verständlich. Danke CS!
Der SNB StabFund (Das Innenleben einer „bad bank“)
Ein Teil des Rettungspakets für das Schweizer Finanzsystems vom 16. Otober 2008 war die Errichtung eines Auffangbeckens für bedrohte Anlage der UBS durch die Schweizerische Nationalbank (SNB). Der zu diesem Zweck errichtete StabFund ist ein Beispiel einer „bad bank“, deren Trennung von den gesunden Teilen die „good bank“ retten soll. Für die SNB war der kühne Schritt mit grossen Risiken verbunden. Zwei Ökonomen der SNB, Marcel Zimmermann und Szoltan Szelyes, beschreiben in einer neuen Publikation den StabFund und seine Entwicklung von innen. Damit erhält die Offentlickeit Einblick in einen bisher weitgehend geheimen oder zumindest wenig bekannten Teil der Notenbankpolitik. Der Bericht ist auch ein Lehrstück für alle künftigen Finanzkrisen-Manager.
