Ein Jahr Batz

Heute vor einem Jahr starteten wir batz.ch. Wir haben zahlreiche, zum Teil sehr treue Leser gewonnen. Sicher Grund zum Feiern. Aber auch ein Anlass, kurz Rückschau zu halten auf den ersten Batz-Eintrag. Am 3.1.2010 gratulierten wir Philipp Hildebrand zu seiner Wahl als Präsident des Direktoriums der SNB. Wir wagten auch die Prognose, dass er Erfolg in der Geldpolitik brauchen würde, um seinen Vorschlägen zur Bankenregulierung Nachdruck zu verschaffen. Dies hat sich — leider — nur zu sehr bestätigt. Die Gegner einer schärferen Linie gegen die implizite Staatsgarantie für Banken haben versucht, Philipp Hildebrand auszuhebeln mit der Kritik an geldpolitischen „Fehlern“. Dass die SNB in der Finanzkrise die Schweizer Wirtschaft und vor allem auch die Exportwirtschaft vor Schlimmerem bewahrt hat, ging dabei vergessen.

Wir wagen die Befürchtung, 2011 werde nicht einfacher. Die Nationalbank wird es nicht allen recht machen können. Die einen verteufeln jeden gekauften Euro, verlangen also indirekt, jedweden Wechselkurs wehrlos hinnehmen. Die andern fordern feste Wechselkurse — gleichbedeutend mit unbegrenzten Käufen von Euro und/oder Dollars.

Prognosen als Entscheidungshilfen

Monika Bütler

Weshalb Projektionen wichtig sind – auch wenn sie falsch sind

NZZ am Sonntag vom 2. Januar 2011

Yves Rossier, der Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, ist viel schlanker geworden. So schien es mir jedenfalls, als ich ihn das letzte Mal traf. Er habe das Rauchen aufgegeben, meinte er, und zuerst innert zwei Wochen vier Kilo zugenommen. Seine Frau habe ihn dann aber gewarnt: In fünf Jahren wiegst Du mehr als eine halbe Tonne, wenn Du im gleichen Stil weitermachst. Diese Hochrechnung habe ihn zu einem radikalen Kurswechsel bewogen.

Frau Rossiers „Gewichtsprognose“ hat sich nicht bewahrheitet – genau sowenig wie viele düstere Prognosen in den Sozialversicherungen und den Staatsfinanzen. Mittel- und langfristige Projektionen werden daher oft als unwissenschaftlich abgetan. Zu pessimistische Prognosen würden gar die Sozialwerke gefährden. Dabei handelt es sich nicht einmal um richtige Prognosen.

„Echte“ Prognosen wie Wettervorhersagen oder Tsunamiwarnungen schätzen äussere Vorkommnisse voraus. Wir können das Wetter nicht ändern, uns aber immerhin mit einem Schirm wappnen wenn Regen angesagt ist. „Prognosen“ in Wirtschafts- und Sozialpolitik beziehen sich hingegen auf Ereignisse, die wir noch ändern können. Es sind daher lediglich Projektionen – Szenarien, die erst unter bestimmten Bedingungen eintreffen. Die Staatverschuldung oder die Finanzlage der Sozialversicherungen können wir beeinflussen. Was-geschieht-wenn-wir-nichts-ändern?-Projektionen helfen uns, die politische Trägheit zu überwinden und zu handeln.

Obwohl im nachhinein gesehen falsch, hat die prognostizierte halbe Tonne ihren Dienst getan. Solche Projektionen erlauben, die Konsequenzen des heutigen Verhaltens abzuschätzen. Wird darauf reagiert, tritt das befürchtete Szenario unter Umständen gar nicht ein. Die Nützlichkeit der Projektion liegt darin, dass sie paradoxerweise hilft, ihr eigenes Eintreten zu verhindern.

Yves Rossier dürfte die Zukunft der AHV mehr belasten als sein eigenes Gewicht. Pessimistische Szenarien der Vergangenheit dienen heute den Gegnern von Reformen als willkommener Vorwand, diese zu blockieren. Dass sich die Voraussagen über die Zukunft der AHV nicht immer bewahrheiteten, hat teils mit Unvorhersehbarem zu tun – aber eben auch damit, dass die Projektionen rechtzeitig zu Anpassungen führten. So wurde das Rentenalter der Frauen erhöht und ein zusätzliches Mehrwertsteuerprozent zur Finanzierung erhoben. Ohne diese Massnahmen fehlten der AHV heute jährlich mehrere Milliarden, und sie schriebe tatsächlich die damals projizierten roten Zahlen.

Auch den Kantonen und Gemeinden wird regelmässig vorgeworfen, zu pessimistisch zu prognostizieren. Doch vorsichtig zu budgetieren hat einen einfachen Grund. Fehler gegen oben und unten sind beim Geld einteilen nicht gleich schlimm. Ein unerwarteter Überschuss ist viel einfacher zu bewältigen als ein unerwarteter Fehlbetrag. Wenn ein zu optimistisches Budget teure Folgen hat, dürfen Projektionen gerne eine Prise „Zweckpessimismus“ enthalten.

Wer immer noch denkt, zu vorsichtige Projektionen seien schädlich, der sei an die Stresstests der europäischen Banken in der Finanzkrise erinnert. Mit Bravour bestanden selbst die irischen Banken noch diesen Sommer die vermeintlich konservativen Szenarien. Im Nachhinein wären die Iren und ganz Europa froh, die Projektionen wären pessimistischer gewesen und hätten eine frühere, weniger kostspielige Intervention ermöglicht.

Nicht die Schulden-Projektionen gefährden die Sozialwerke, sondern das Nicht- Reagieren auf die prognostizierten Entwicklungen. Wir sollten deshalb nicht über die Güte von Prognosen streiten, deren Eintreten wir verhindern wollen. Ob eine halbe Tonne oder zwei Zentner, ist einerlei. Entscheidend ist, die richtigen Massnahmen zu ergreifen: Weniger essen, weniger ausgeben. Den Staaten bleibt verwehrt, was Yves Rossier möglich ist: Das Rauchen wieder aufzunehmen.

Zum Ausklang des Jahres

Vor 55 Jahren schrieb der Autor Erich Kästner eine Sammlung von Gedichten, für jeden Monat des Jahres eins. Kästner schrieb, um sich zu besinnen. „Denn man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wiederfinden.“ Schwindelig wird einem auch bei der Vorstellung, dass Google Buchsuche dieses Jahr bekannt gab, über 15 Millionen Bücher durch Digitalisierung verfügbar gemacht zu machen. Das sind 12% aller jemals publizierten Bücher. Kästner’s Buch „Die 13 Monate“ ist mittlererweile auch ein Google Buch, allerdings aus urheberrechlichten Gründen nur „in eingeschränkter Vorschau“.

Das Gedicht zum Monat Dezember möchten wir Ihnen zum Abschluss des Jahres ans Herz legen. Es sei denn, Sie möchten lieber an den dreizehnten Monat glauben? „Wie säh er aus, wenn er sich wünschen liesse? Schaltmonat wäre? Vielleicht Elfember hiesse?“ Wir wünschen allen unseren Lesern einen besinnlichen Ausklang des alten Jahres und ein frohes neues 2011.

Der Dezember (Erich Kästner)

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
»Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.«

Adventskalender 24

In einem Adventskalender ist das Türchen Nummer 24 stets das prächtigste. Drum haben wir Die Anbetung der Heiligen Drei Könige von Peter Paul Rubens gewählt und dazu die folgende Geschichte, die das Geheimnis ihrer Gaben verrät.

In seinem Reisebericht Il Millione von 1298 (englisch; Kommentar deutsch) erzählt Marco Polo, wie er in Persien auf die Spuren der Drei Könige oder Weisen gestossen ist. In der Sadt Saba will er sogar ihre bestatteten, aber noch gänzlich erhaltenen Körper gesehen haben. Auf der Weiterreise erfuhr er auch die Geschichte ihrer Gaben.

Vor langer Zeit seien drei Könige aufgebrochen, um einen neugeborenen Propheten zu verehren. Sie brachten ihm als Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe, um herauszufinden, ob er Gott, König oder Arzt sei. Nahm er das Gold, war er ein König. Ergriff er den Weihrauch, war er ein Gott. Wählte er die Myrrhe, war er ein Arzt.

So traten sie vor ihn, einer nach dem anderen. Der Erste gewahrte, dass das Kind so alt aussah wie er selbst, und erstaunte. Der zweite trat ein und sah, dass das Kind gleich alt aussah wie er, und wunderte sich ebenfalls. Und genauso erging es dem Dritten. Sie erzählten einander, was sie gesehen hatten und wunderten sich nun erst recht. Sie traten alle drei zusammen vor das Kind und jetzt sahen sie es in seinem richtigen Alter von vielleicht 13 Tagen. Sie beteten es an und boten ihre Geschenke dar. Und siehe: Das Kind nahm alle drei.

Adventskalender 23

Die Funker mehrerer Schiffe im Nordatlantik staunten nicht schlecht, als am Heiligabend 1906 anstatt der gewohnten Morsezeichen plötzlich Händels Ombra Mai Fu (hier in neuerer Aufnahme) über den Äther rauschte. Es folgte Minuit Crétiens (O Holy Night), auf der Geige gespielt von Reginald Aubrey Fessenden, dem Erfinder der neuen Radiotechnik persönlich. Am Ende der Sendung las Fessenden den Vers Lukas 2:14 „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Fessenden hatte am 23. Dezember 1900, heute vor 110 Jahren, auf einer Versuchstation auf Cobb Island, Maryland, zum ersten Mal in der Geschichte ein Radiosignal übertragen, konkret eine menschliche Stimme, gestört noch von Nebengeräuschen. Wir feiern also heute die Geburtsstunde des Radios.

Trotz mancherlei Rückschlägen arbeitete Fessenden an seiner Erfindung weiter. Sechs Jahre später war er dann so weit für die eingangs erwähnte erste Radiosendung der Welt. Aufgrund technischer Mängel waren die übertragenen Klänge noch auf eine Distanz von mehreren hundert Kilometern hörbar — auch auf Schiffen, auf denen niemand vom geplanten Experiment gewusst hatte.

Die Falschmünzer

Vor zwei Wochen schrieb ich in der NZZ am Sonntag über Geschenke. Und über eine falsche Münze.

Unser älterer Bub – er war damals gut zwei – erhielt in der Adventszeit vom Nonno einen Fünfliber. Peter musterte das Stück, nestelte am Rand herum, sagte etwas von „uufmache“ – und begann dann bitterlich zu weinen. Die Münze war falsch. Sie war nur aus Metall und nicht, wie Peter sich erhofft hatte, innen aus Schokolade.

In der Zwischenzeit hat mir ein edler Spender echte Schokoladefünfliber zukommenlassen – vielen herzlichen Dank!

Übrigens: Meine Französischlehrerin an der Kanti, Annette Gersbach, hat mir mit einem Buch über die Problematik der Unterscheidung von Echtem und Falschem das Französische nähergebracht. Es handelt sich um den Roman Les Faux-Monnayeursvon André Gide, erschienen 1925.

Adventskalender 21

Monika ist mit dem Institut ins Bergwerk Horgen gefahren. Dort wird sie vielleicht schon erwartet:

Gnomen.

Da trippelt ein die kleine Schar,
Sie hält nicht gern sich Paar und Paar;
Im moosigen Kleid mit Lämplein hell
Bewegt sich’s durcheinander schnell,
Wo jedes für sich selber schafft,
Wie Leuchtameisen wimmelhaft;
Und wuselt emsig hin und her,
Beschäftigt in die Kreuz und Quer.

Den frommen Gütchen nah verwandt,
Als Felschirurgen wohl bekannt;
Die hohen Berge schröpfen wir,
Aus vollen Adern schöpfen wir;
Metalle stürzen wir zu Hauf,
Mit Gruß getrost: Glück auf! Glück auf!
Das ist von Grund aus wohl gemeint,
Wir sind der guten Menschen Freund.

Doch bringen wir das Gold zu Tag
Damit man stehlen und kuppeln mag;
Nicht Eisen fehle dem stolzen Mann
Der allgemeinen Mord ersann.
Und wer die drei Gebot’ veracht’t
Sich auch nichts aus den andern macht.
Das alles ist nicht unsre Schuld,
Drum habt so fort, wie wir, Geduld.

Johan Wolfgang von Goethe, Faust 2, Vers 5840-5863

1 Euro = 50 Rappen ?

Die Presse von heute will wissen, der Präsident des Direktoriums der SNB, Philipp Hildebrand, habe im Bundesrat die Möglichkeit eines Falls des Euro auf 50 Rappen erörtert. Ich war nicht dabei, möchte aber doch eines klarstellen. Was Philipp Hildebrand immer gesagt haben mag: Diese 50 Rappen sind sicher keine Prognose. Bitte also keine Panik im Devisenhandel. Eine Regierung muss sich natürlich auch auf Extremszenarien gefasst machen; in diesem Sinne ist die Frage „Was tun wir, wenn der Euro auf X fällt?“ wichtig. Der Bundesrat muss eine Antwort haben. Die Frage sollte aber nicht Anlass sein, den Euro auch gleich mit X zu bewerten.

Bekanntlich bin ich kein Euro-Romantiker und habe den Euro sogar einmal als „langfristig unhaltbar“ bezeichnet. Gemeint war, dass der Währungsverbund mit den heutigen Mitgliedländern irgendwann reissen wird oder aber den Frieden und/oder Demokratie in Europa zerstört (Ungarn beispielsweise ist auf bestem Weg). Dazu stehe ich nach wie vor. Bloss bedeutet ein Auseinanderbrechen der Währungsunion nicht unbedingt eine Schwächung des Euro. Wenn die schwachen Länder ausscheiden, kann der Euro sogar härter werden.

Also nochmals: 50 Rappen sind ein Szenario unter vielen, keine Prognose.

Adventskalender 20

Wir hatten am Samstag türkische Freunde zu Besuch. Und da fielen mir wieder die wunderbaren Geschichten des Nasreddin Hoca ein, eines türkischen Volksweisen, der im 14. Jahrhundert gelebt haben soll. Sein Leben und seine Erlebnisse wurden über viele Jahrhunderte mündlich überliefert, so zum Beispiel auch folgende Geschichte:

An Markttagen stand Mulla Nasreddin Hoca häufig auf der Gasse und machte sich zum Narren: Immer wenn ihm Leute ein grosses und ein kleines Geldstück anboten, nahm er das kleinere. Eines Tages sagte ein wohlmeinender Mann zu ihm: „Mulla, du solltest die grössere Münze nehmen. Dann wirst du mehr Geld besitzen, und die Leute haben nicht länger Gelegenheit, sich über dich lustig zu machen.“ „Das mag stimmen“, sagte Nasreddin, „aber wenn ich stets die grössere Münze nehme, werden die Leute aufhören, mir Geld zugeben. Denn sie tun es ja nur, um zu beweisen, dass ich verrückter bin als sie. Und dann würde ich überhaupt kein Geld mehr haben.“

Quelle für die Geschichte:  http://www.nasrudin.de/

Mehr über Hoca finden Sie hier.