Bauförderung zu Lasten des Mittelstandes

Monika Bütler

Dieser Text erschien als Kolumne in der NZZ am Sonntag vom 26. Februar 2012 under dem Titel „Staatliche Bauförderung geht zu Lasten des Mittelstandes“.
Bevor ich in die Neidecke gedrängt werde: Wir besitzen ein nicht optimal Energie-saniertes Haus und würden somit durch die steuerliche Abzugsfähigkeit von Ersparnissen zugusten der Energiesanierung ebenfalls profitieren.

Hier also die Kolumne:

Beton heisst auf Englisch «concrete». Ganz konkret in diesem Sinn ist Bausparförderung sicht- und greifbar in steuergünstigen Kantonen wie Zug und Schwyz. Tiefe Steuern haben hier das Wohnen und Bauen attraktiv gemacht. Sie haben Bauzonen in die Breite und die Immobilienpreise in die Höhe getrieben. Je tiefer die Steuern, desto teurer Immobilienpreise und Mieten gilt auch für Gemeinden innerhalb desselben Kantons.
Das ist nicht weiter schlimm. Wenn der Finanzausgleich zwischen den Kantonen und Gemeinden funktioniert, bringt der Steuerwettbewerb dem ganzen Land mehr Vor- als Nachteile. Aber eines zeigt ein Blick auf die Schweizer Tiefsteuerkantone glasklar: Dass Steuervorteile den Erwerb von Wohneigentum für den Mittelstand nicht erleichtern, sondern erschweren: Vergünstigungen bei Steuern oder andere Subventionen des Bausparens verpuffen letztlich in Preiserhöhungen. Nur für die relativ reichen Käufer geht die Rechnung «Subvention minus höhere Preise» auf; für den Mittelstand hingegen wird das Eigenheim unter dem Strich teurer.
Es ist wie mit Subventionen für bäuerlichen Erzeugnisse: Diese führen auch nicht zu tieferen Konsumentenpreisen, sondern zu höheren Produzentenpreisen. Nur wissen das bei der Landwirtschaft alle. Wenn nun auf dem Land statt dem Mais der Beton wächst, soll die ökonomische Logik plötzlich nicht mehr gelten.
Die Befürworter der Bausparinitiativen ahnen die Logik: «Bausparen fördert die Baunachfrage», steht auf ihrer Internetseite. Was hingegen nicht steht: Die geförderte Nachfrage erhöht die Preise; für Neubauten und für Sanierungen gleichermassen. Mit dem vorgeschlagenen maximalen Steuerabzug von 30 000 Franken spart ein Ehepaar mit einem steuerbaren Einkommen von 200 000 Franken rund 7000 Franken pro Jahr (Stadt Zürich), ein Ehepaar mit einem steuerbaren Einkommen von 50 000 Franken dagegen nur 3000 Franken. Damit wird der Mittelstand mit den Preissteigerungen kaum mithalten können. Gefördert werden – wie es früher noch hiess – die oberen Zehntausend. Die mit Haus. Gewöhnliche Sparer, ob arm oder reich, gehen nämlich leer aus.
Zu den konkreten Nachteilen der Bausparförderung kommen die versteckten. Erstens müssen die Subventionen an die besser Gestellten und die Bauwirtschaft irgendwie finanziert werden. Zweitens verzerren sie die privaten Entscheidungen: Letztlich werden sich viele Mittelstandshaushalte auch zum Bausparen oder zum Energiesanierungs-Sparen veranlasst sehen, auch solche, die lieber (und gescheiter) für die Ausbildung der Kinder oder die Finanzierung der Pflege im Alter vorsorgen würden. Als Folge sinkt, drittens, die Mobilität. Wie in den Niederlanden, wo sich jeden Morgen und jeden Abend die Pendler stundenlang auf den überlasteten Strassen stauen. Die Kosten eines Umzugs für Hausbesitzer sind viel zu teuer.
Ist das steuerliche Bausparen denn einfach eine falsche Lösung für eine gute Absicht, wie es oft heisst? Auch wenn Wohneigentümer die besseren Schweizer wären: Nein. Nicht einmal staatliche Initiativen, die auf den ersten Blick optimal konstruiert scheinen, erreichen ihr Ziel. Den besten Beweis dafür liefert Australien. Das Land hat verschiedentlich mit sogenannten «home-owner-grants» versucht, den Erstkäufern unter die Arme zu greifen. Dabei beschränkten die Australier die Zahlungen sogar auf den Mittelstand und gewährten die Zuschüsse nur bis zu einer Obergrenze des Hauspreises. Mit durchschlagendem Erfolg: Die Preise im subventionierten Segment stiegen stark an, das Angebot an erschwinglichem Wohnraum versiegte. So sehr, dass Finanzberater interessierten Käufern den Rat gaben, mit dem Kauf zuzuwarten, bis die staatlichen Zuschüsse auslaufen.
Das müsste eigentlich den vielen Liberalen, die Subventionen ausgerechnet zum Erwerb von Wohneigentum unterstützen, zu denken geben.

Freunde der ZKB: Bitte Ruhe!

Urs Birchler

Ich habe ein faules Ei gelegt! Mein provokativer Titel „Die ZKB-Todesspirale“ hat ungewollt Zweifel an der Solvenz der ZKB geweckt. Dies hat mehrere Leser (und Medienvertreter) erschreckt.

Deshalb ist eine Klarstellung am Platz. Eine Aussage zur Stabilität der ZKB war nicht gemeint. In der Zwischenzeit habe ich nachgeschaut: Die von den USA der UBS auferlegte Busse betrug damals 780 Mio. Dollar (NZZ, TA). Die ZKB mit einem vergleichsweise viel geringeren Volumen an Geldern amerikanischer Kunden verfügt aber über 8 Mrd. Fr. Eigenmitteln. Ein gutes Ruhekissen für Kunden und Steuerzahler.

Es sollte aber nicht zum Ruhekissen für Bankräte werden. Daher meine (zu) provokative Formulierung der „Todesspirale“. Mit der Spirale war ein Mechanismus gemeint, der theoretisch, im „worst case“, zu einem Teufelskreis führen kann. Die Moral: Auch wenn man Staatsgarantie hat, muss man rechtzeitig aufpassen. Das war die Idee (und sie betrifft nicht in erster Linie die ZKB, die zwar die grösste Kantonalbank ist, aber im Verhältnis zur Finanzkraft des Kantons nur im Mittelfeld steht). Die Reputation einer Bank zu schädigen, war keineswegs meine Absicht. Vielleicht hoffte ich auf ein klärendes Wort der Bankleitung. Doch hätte ich wissen müssen: Sie dürfen gar nicht. Auch im Rechtsstreit mit den amerikanischen Behörden gilt die Devise der Navy: „Lose lips sink ships.“

Bei allen ZKB-Kunden und Steuerzahlern, die meinetwegen schlaflose Nächte hatten, möchte ich mich ausdrücklich entschuldigen.

Weihnachtsgeschenke rezikliert

Monika Bütler

Wie die alte Fasnacht kommt jedes Jahr, aber auch wirklich jedes Jahr, die alte Leier: Weihnachtsgeschenke seien eine ökonomische Verschwendung (siehe z.Bsp. hier).

Ich hätte wohl meinen Beitrag vom letzten Jahr unverändert hochladen können – und niemand hätte es bemerkt.

Daher auf die reziklierten Beiträge hier eine reziklierte Replik.

Die Tücken der Selbstversorgung – Fortsetzung

Monika Bütler

Vor knapp einem halben Jahr habe ich hier im Batz über die Bananenknappheit und die damit zusammenhängenden exorbitanten Bananenpreise in Australien geschrieben. Aus aktuellem Anlass hier der Link auf den Beitrag.

Lesehilfe:
– „Australien“ durch „Norwegen“ ersetzen
– „Bananen“ durch „Butter“ ersetzen
– „katastrophale Überschwemmungen“ durch „katastrophales Missmanagement des Monopolisten“ ersetzen

 

EFTA gegen Island

Urs Birchler

Ein Kollege aus Island schickt mir soeben eine Nachricht, wonach die EFTA Surveillance Authority ihr Mitgliedland Island vor Gericht ziehen will. Island hat die britischen und niederländischen Gläubiger der konkursiten isländischen Banken noch nicht entschädigt. Die EFTA, einst stolze Konkurrenz zur EWG (der späteren EU), hat noch vier Mitglieder: Island, Norwegen, Liechtenstein und die Schweiz (die ersteren drei sind auch Teil des Europäischen Wirtschaftsraums EEA).

Von der EFTA hatte ich zur eigenen Schande seit langem nichts gehört. Und dann plötzlich die Nachricht, dass sie zugunsten zweier EU-Länder gegen ein eigenes Mitgliedland vorgehen will. Wäre ich bloss Jurist geworden!

Herzliche Gratulation Gebhard Kirchgässner

Monika Bütler

Eine grosse Ehre für unseren Mit-Batzer Gebhard
Kirchgässner. Am heutigen dies academicus der Universität Freiburg i.Ü. wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
verliehen. Die offizielle Würdigung findet sich hier.

Für uns ist Gebhard ein brillanter Denker und Lehrer, der
sich nie zu schade ist, in der aktuellen Debatte mitzumischen.

 

Schuss von der Kanzel

Urs Birchler

Das britische St. Paul’s Institute hat die Resultate einer Umfrage unter Bankern (der „City of London“) veröffentlicht. Der Bericht ist hier publiziert. Die Ergebnisse werden wie folgt kommentiert: Die Banker arbeiten in erster Linie fürs Geld. Sie kennen nicht einmal die letzten beiden Rezessionen oder wissen nicht recht, was der sogenannte „big bang“ bedeutete. Auch das Motto der Londoner Börse kennen sie kaum. Und so weiter. Verschiedene Kirchenvertreter machen sich dann über die Resultate, bzw. die Befragten her.

Es hat mich dann plötzlich wunder genommen, wie die Zahlen aussehen. Diese sind ebenfalls publiziert: hier. Und siehe da: Erstens ist alles halb so wild. Die erwähnten Rrezessionen und der Big Bang liegen 20-30 Jahre zurück. Bei der Hauptmotivation wird zwar Geld am häufigsten genannt, aber bei der zweitwichtigsten kommt dann bereits „Freude an der Arbeit“ an erster Stelle. Gleichwohl hat die Presse natürlich die Geldgier als Motiv aufgegriffen. Auf die Ideee, andere Berufsgruppen ebenfalls zu befragen, ist niemand gekommen. Aber vielleicht hätten diese auch nicht so ehrlich geantwortet wie die Banker. Dass es ferner auch möglich wäre, dass es Menschen gibt, denen halt Geld mehr bedeutet als anderes, und dass gottlob Unternehmen da sind, welche versuchen, der Geldgier ein — normalerweise — nützliches Betätigungsfeld zu bieten — das kommt niemandem in den Sinn, den selbsherrlichen Kirchenethikern noch zuletzt. Dass es ihnen nicht passt, dass nur wenige Banker mit Ja geantwortet haben auf die Frage: „The City of London needs to listen more to the guidance of the Church“, tut mir ja unendlich leid.

Leider muss ich an eine Sitzung rennen, deshalb muss ich den weiteren Vergleich zwischen den Zahlenund dem Kirchenkommentarden Lesern überlassen. Aber eines sei gesagt: Bevor die Kanzelherren einen Ethikkurs geben wollen, sollen sie zuerst einmal einen Statistikkurs besuchen.

http://www.stpaulsinstitute.org.uk/assets/docs/value%20and%20values%20-%20perceptions%20of%20ethics%20in%20the%20city%20today.pdf

Die Franken und der Euro

Monika Bütler

Heute, wie fast jeden Mittwoch abend, mit unserem 4.-Klässler Diktat geübt – jeweils ein besonderes Vergnügen beiderseits. Auch weil die Texte meist so künstlich sind, dass es weh tut (Seeelefanten bei der Kleeernte). Doch diesmal war der Text in Ordnung:

„Wie eine Stadt zu ihrem Namen kam: In einem Krieg gegen die Sachsen musste Kaiser Karl der Grosse mit seinem fränkischen Heer fliehen. Als sie an den Main kamen, lag dichter Nebel über dem Fluss. Wo war die Furt, über die man sich ans andere Ufer retten konnte? In seiner Not kniete der Kaiser nieder und betete. Und siehe da: Wie durch ein Wunder trat die Sonne hervor. Die Franken konnten nun sehen, wie eine weisse Hirschkuh mit ihrem Kalb sicher den Fluss durchschritt. Rasche folgten sie ihr durch die Furt. Hinter ihnen schloss sich die Nebelwand wieder. Die Franken waren gerettet. An dieser Furt entstand eine Stadt. Weisst du, wie sie heisst?“

Aus Jux habe ich den drittletzten Satz abgeändert in „Der Franken war gerettet“. Wirklich? Fragte Peter und war nun definitiv wieder wach. Dann meinte er – deutlich besser gelaunt, ich müsse in meinem nächsten Zeitungsartikel unbedingt folgendes schreiben: Der Euro warte immer noch darauf, dass sich der Nebel lichte und sich eine Furt finden liesse, über die man sich ans bessere Ufer retten könne. Das habe ich hiermit getan (und mir dabei gedacht, dass wir daheim wohl zuviel über die Krise sprechen).

Vielleicht würde in der Eurokrise beten helfen. Aber wer müsste dann an Kaisers statt beten? Und ob sich dadurch die Sonne erweichen und eine Hirschkuh finden liesse, die den Weg weisen könnte? Vorschläge für zeitgemässe Begriffe an Stelle von Kaiser, beten, Sonne und Hirschkuh gerne als Kommentar.

Im Andenken an Hans Wolfgang Brachinger

Monika Bütler

Am 30. Oktober ist unser Kollege Hans Wolfgang Brachinger, Professor für Statistik an der Universität Freiburg i.Ü. im Alter von nur 60 Jahren verstorben. Hans Wolfgang hat sich neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit auch immer stark in der Wirtschaftspolitik und der Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Und er konnte ausgezeichnet schreiben, verständlich und klar. Kein Wunder fanden Beiträge zur gefühlten Inflation in der Presse viel Beachtung, seine Aufsätze in der Oekonomenstimme gehören zu den meistgelesenen. Es lag ihm sehr am Herzen, Missverständnisse in der Interpretation von Daten und Statistiken auszuräumen. Dieses aufklärerische Ziel verfolgt auch mein Lieblingsaufsatz von ihm, ein Beitrag zur Diskussion um das Buch von Thilo Sarrazin. Darin schreibt er zum Beispiel:

„Die statistische Naivität eines Thilo Sarrazins paart sich mit der statistischen Ignoranz der Bescheidwisser in den Medien.“

 

Wir werden ihn vermissen.