Sado-Maso in der Bankenpolitik

Der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker droht in seiner Funktion als Chef der sogenannten Euro-Gruppe, den Finanzmärkten die Folterwerkzeuge zu zeigen. Deutschland schickt aber nicht die Kavallerie vor, sondern den Bankier Josef Ackermann. Zuckerbrot der Deutschen Bank oder Luxemburger Peitsche? Die gegenwärtige Haltung der EU gegenüber den griechischen Finanzproblemen illustriert die widersprüchliche Haltung vieler Politiker gegenüber den Finanzmärkten und den Banken.

Einerseits sind die Finanzmärkte böse. Sie spekulieren zum Beispiel gegen den Euro. Noch schlimmer: Einzelne Banken haben den Griechen sogar den Sand geliefert, den sich die EU-Politiker unbedingt in die Augen streuen wollten, um Griechenland mit aller Gewalt an Bord der Währungsunion zu hieven.

Andererseits sind die Finanzmärkte lieb. Die Banken geben dort Kredit, wo die Regierungen nicht mehr leihen. Vielleicht jedenfalls — Herr Ackermann hat sich noch nicht geäussert. Nachdem seine Bank in der Finanzkrise vom deutschen Staat gerettet worden ist, schuldet er aber der Politik vielleicht noch einen Gefallen.

Was ist das für eine Beziehung, in der sich der Staat den Banken bald bittend oder helfend unterwirft, bald die Folterwerkzeuge zeigt? Bei Paaren würde man von Sado-Masochismus sprechen. Nicht unbedingt gesund, aber erstaunlich stabil.

Gruss aus Subventistan

Die Sonntagszeitung Online von heute meldet, dass Gewerkschaften und Krippenverband 5 Mia Franken für Kinderkrippen und ähnliche Einrichtungen verlangen.
Da wir gegenüber Milliardenbeträgen schon etwas abgestumpft sind: Umgerechnet auf alle Schweizer Kinder zwischen 0 und 5 Jahren entspricht dies etwa 13’500 Franken pro Kind und Jahr. Zur Finanzierung notwendig wäre eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte oder einer Erhöhung der Einnahmen aus der direkten Bundessteuer um einen Drittel.

Erdbeeren zum Semesterbeginn

Das Frühjahrssemester hat begonnen. Das heisst für mich Unterricht auf der Assessmentstufe (1300 Studentinnen und Studenten) und wenig Zeit für Blogging.

Ein Ziel der Vorlesung ist, dass die Studenten lernen, empirische wirtschaftspolitische Studien zu interpretieren und zu hinterfragen. Als Illustration ein Beispiel. Verheiratete Männer leben im Durchschnitt deutlich länger als ledige. Dies kann auf zwei Arten interpretiert werden. 1) Verheiratete Männer leben länger weil sie verheiratet sind. 2) Männer mit einer höheren Lebenserwartung sind eher verheiratet. Die Kausalität (oder Ursache-Wirkungskette) kann somit in beide Richtungen gehen. Zur Information: Bei den Frauen ist die Korrelation zwischen Zivilstand und Lebenserwartung nur sehr schwach.

Damit die Studierenden über solche Zusammenhänge nachdenken, erhalten sie beinahe jede Woche eine Aufgabe zum Überlegen.

Hier die erste: Zwei Forschungs-Institute untersuchen den Zusammenhang zwischen Qualität und Preis von Erdbeeren. Studie A findet, dass die Qualität der Früchte tatsächlich mit dem Preis steigt, sich der höhere Preis der Delikatessgeschäfte somit rechtfertigt. Studie B findet genau das Gegenteil: Bei hohen Preisen ist die Qualität der Erdbeeren tendentiell schlechter. Welche Studie hat recht? Und wem dies zu einfach ist: Gibt es wirtschaftspolitische Fragen, die zu ähnlich unterschiedlichen Resultaten führen können?

Rentenklau durch Inflation

Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds IWF, der MIT-Professor Olivier Blanchard, schlägt eine Erhöhung des Inflationsziels auf circa 4% vor.

Erstaunlich am Vorschlag ist vor allem, wie wenig Echo er bisher ausgelöst hat. Er betrifft ja nicht nur die Geldpolitik, sondern auch den Staatshaushalt sowie die Einkommens- und Vermögensverteilung.  Das mögen abstrakte Grössen sein. Weniger abstrakt, aber offensichtlich unterschätzt ist, dass von höheren Inflationsraten auch Rentensysteme stark betroffen sind. So wird in der Schweiz momentan heftig über die vorgeschlagene sechsprozentige Senkung des Umwandlungssatzes von 6.8% auf 6.4% gestritten. Eine Erhöhung der durchschnittlichen Inflationsrate von 1% auf 4% käme jedoch – über die ganze Rentendauer gesehen – einer Senkung des Umwandlungssatzes um bis zu 25% gleich. Ohne dass jemand etwas dazu sagen könnte.

Den stabilitätsgewohnten Schweizern dürfte gar nicht mehr klar sein, wie sehr schon eine relativ geringe Inflation die Kaufkraft der Renten schmälern kann. Im Alter von 75 Jahren – einem Alter, in dem fast 90% der Rentenbezüger oder deren rentenberechtigte Partner noch leben – ist bei einer nicht ausgeglichenen Inflation von 2% die Kaufkraft der Rente 18% tiefer als bei der Pensionierung, bei einer Inflation von 4% sind es bereits 34%. Bei einem zu hohen Umwandlungssatz dürfte auch der Passus im BVG, dass die „Pensionskassen die Teuerung der Altersrenten im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten ausgleichen“, ein frommer Wunsch bleiben.

Island: Bitte nichts zahlen!

Sollen die isländischen Stimm-Bürger am 6. März ja oder nein sagen zum sogenannten Icesave Deal mit Grossbritannien und den Niederlanden? Sie sollten nein sagen, aber nicht nur das. Island sollte sofort sämtliche Ausslandsschulden widerrufen. Das läge sogar im Interesse der Gläubigerländer und Europas als ganzes.

Inke Nyborg hat die nachstehenden Zahlen (auf der Basis einer detaillierteren Tabelle) zusammengestellt. Island steht ungefähr dort, wo Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg stand. Im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes entsprechen die isländischen Schulden (244%) genau den Reparationsforderungen der Sieger an das besiegte Deutsche Reich.

Deutschland hatte zwar einen höheren Ausgangsbestand an Schulden (648%); diese lauteten aber grösstenteils auf Reichsmark und wurden durch die Hyperinflation von 1922-23 „getilgt“. Die seitens der Sieger von Deutschland geforderten Reparationszahlungen hingegen waren in Gold festgesetzt, so wie die isländischen Schulden auf ausländische Währungen (v.a. Euro) lauten. Diese Schulden sind genauso unbezahlbar wie es die deutschen Reparationforderungen waren.

Der Unterschied: Deutschland ist ein Land in der Mitte Europas mit, damals, 60 Mio. Einwohnern. Island ist eine Insel am Rande Europas mit rund 300’000 Einwohnern. Jeder dieser Einwohner, vom Baby bis zum Greis, schultert Auslandsschulden im Wert von hunderttausend Dollars. Den Isländern bleibt die Wahl zwischen erdrückenden Steuern oder die Emigration (ins Ausland oder in die Subsistenzwirtschaft). Doch für jeden Isländer, der sich entzieht, wird die Bürde noch schwerer für die Zurückbleibenden. Kurz — es gibt keine Alternative zum Default, dem Abstreiten der Schulden und Neubeginn. Am besten jetzt gleich. Die Icesave-Abstimmung ist nur Begleitmusik.

Ein Default läge auch im Interesse der Gläubiger. Ein auf Jahrzehnte zahlungsunfähiges, wirtschaftlich totes Land nützt niemandem; ein Land, das bei null beginnen kann, in dem auch wieder rentabel investiert werden kann, schon. Natürlich sind die Isländer ein Stück weit selbst schuld. Auch die Deutschen waren mitschuldig am Ersten Weltkrieg. Dennoch wäre es traurig, wenn die Sturheit der Gläubiger wieder ein Land in die Katastrophe treiben würde.

Jedenfalls wird die auf morgen, 16. Februar, vorgesehene  Publikation der Isländischen Bevölkerungsstatistik plötzlich zu einem interessanten Ereignis.

L’empreinte digitale des „insider“

Pour le détenteur d’informations privilégiées, opérer sur les marchés dérivés est probablement plus avantageux que de directement acheter ou vendre le titre concerné. Il bénéficie à la fois d’incitatifs économiques (coût de transaction réduit, capital initial faible, importante capacité de levier financier) et d’incitatifs stratégiques (discrétion offerte par le marché des options). Il est dès lors raisonnable de penser que des acteurs de marché bénéficiant d’informations privilégiées relatives à une société puissent préférer traiter des options plutôt que des titres de la compagnie. C’est bien l’objet de notre étude qui a permis de détecter un certain nombre d’opérations suspicieuses tant aux Etats-Unis qu’en Europe (voire aussi l’article dans Le Temps).

A titre d’exemple, l’analyse de 6 ans de données, permet de détecter des transactions suspectes pour 5 options de vente, sur le titre EADS sur les marchés EURONEXT à Paris et EUREX à Francfort. Celles-ci ont toutes été effectuées au printemps 2006, soit peu de temps avant l’annonce du 13 juin révélant publiquement les retards de livraison de l’A380, dont pâtira le cours de l’action EADS. Dans un tel jeu de bourse, acheter par exemple le 3 mai 2006 des options de vente de prix d’exercice 30 euros et de maturité le 16 juin à un prix de 1,54 euros l’unité, lorsque le cours d’EADS est de 29,76 euros et les exercer ou les revendre le 14 juin, quand le cours de l’action s’est effondré à 18,79 euros et que la valeur de l’option est passée à 11,27 euros, peut s’avérer très rémunérateur. En l’occurrence, nous estimons à 25,6 millions d’euros sur la place de Paris et à 10,7 sur celle de Francfort, les gains nets réalisés lors de ces transactions suspectes. L’intérêt des options ? Pour obtenir ces 36 millions d’euros, les opérateurs, n’ont eu a misé qu’environ 9 millions. Soit des rendements proches de 400% en quelques dizaines de jours….

Les autorités de marchés prétendent contrôler de près ces marchés dérivés. Est-ce le cas ?  Si ces derniers ne sont pas suffisamment surveillés, d’importantes affaires de délit d’initiés risquent de leur échapper.

Bedroht Griechenland die Schweizer Banken?

In der Presse werden zum Teil sehr hohe Zahlen zum Engagement der Schweizer Banken in Griechenland herumgeboten. Eine Zeitung meldete, gestützt auf eine Bank-Analysten, die Schweizer Banken seien im Umfang von 12 Prozent des Schweizerischen Bruttoinlandprodukts (also rund 60 Mrd. Fr.) engagiert.

Anstatt in Panik zu verfallen, lohnt es sich, die offiziellen Statistiken zu konsultieren. Gemäss Statistik der Schweizerischen Nationalbank, Rubrik Länderweise Gliederung der Guthaben und Verbindlichkeiten, hatten die Schweizer Banken per Ende 2008 gegenüber griechischen Schuldnern Ausstände von gut 3 Mrd. CHF, bei Verbindlichkeiten von gut 2 Mrd. CHF. Gemäss BIZ-Statistik betrugen die gesamten griechischen Schulden bei Banken der BIZ-Länder gleichzeitig gut 220 Mrd. CHF. Die Statistiken sind nicht direkt vergleichbar (SNB: Unternehmensprinzip; BIZ: Domizilprinzip). Klar ist indessen: Griechenland bringt keine Schweizer Bank um.

Auch wenn man die Guthaben der Schweizer Banken gegenüber Schuldnern in den PIIGS-Ländern (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) zusammenzählt, kommt man nicht auf 5 Prozent ihrer Bilanzsumme. Fazit: Wer schlecht schlafen möchte, mag dies tun — die griechischen Schulden bei Schweizer Banken sollten aber nicht der Grund sein.

Panta Rhei

Alles fliesst. Auf griechisch verabschiedet sich einer der aktiven Wirtschafts-Blogger von der Szene. William Buiter schliesst seinen vielbeachteten Blog Maverecon bei Financial Times. Dort zog er als Professor der London School of Economics zum Beispiel gegen die faktische Staatsgarantie für Grossbanken ins Feld „Too big to fail is too big“. Jetzt zieht der Maverick (gemäss leo.org: Aussenseiter, Eigenbrötler, Einzelgänger, mutterloses Kalb) als Chefökonom zu Citigroup. Citigroup (16’000 Niederlassungen mit 300’000 Angestellten in 140 Ländern) ist eine der vier amerikanischen Grossbanken, die die Finanzkrise überlebten — dank massiver Staatshilfe im November 2008.

Citigroup ist also „too big to fail“. Damit wäre die Bank nach der Logik ihres frischgebackenen Chefökonomen schlicht zu gross. Eine der beiden Seiten muss jetzt nachgeben. Wird Buiter Citigroup zerhacken oder umgekehrt? Mal sehen, was alles fliesst.

Die Bank, dein Hirte

Die Banken sind in letzter Zeit arg gescholten worden für das Voranstellen der eigenen Interessen vor jene der Geldgeber oder der Allgemeinheit (moral hazard). Drum muss man ihnen jetzt auch zugute halten, dass sie ihre Kunden gegenüber den Steuervögten in Schutz nehmen. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht.“ (Johannes 10, 11-12)

Zwischen weissen und schwarzen Schafen hat der Evangelist nicht unterschieden. Das Zitat habe ich allerdings nicht bei der Suche nach biblischer Rechtfertigung des Bankgeheimnisses gefunden, sondern in einem Konferenzprogramm zu „Ökonomik in der Krise“ (Dank an Diana Festl-Pell).