Investment Banking: Denk- und Lesepause?

Das Parlament hat es abgelehnt, noch im Rahmen der TBTF-Vorlage über die Abtrennung des Investment Banking zu debattieren. Dies gibt den Interessierten Zeit, sich ins Thema einzulesen. Ein guter Einstieg ist der Bericht der britischen Independent Banking Commission (IBC). Er entwickelt das Konzept des „ring-fencing“, d.h. eines regulatorischen Zauns zur Abgrenzung der gefährlichen Teile des Bankgeschäfts von den systemisch wichtigen Teilen.

Selbstverständlich gehen die Meinungen über den Bericht weit auseinander. Dennoch dürfte er auch für die Schweiz als Katalysator der Diskussion wichtig werden. Also: Neuer Ausdruck für den Party-talk: Ring-fencing. Vielleicht auch eine Strategie der Zürcher Polizei gegen rabiate Party-Gänger.

Investmentbanking abtrennen?

In seinem Kommentar zu meinem letzten Eintrag votiert Warren@marketobservation.com für die von SP und SVP geforderte Abrennung des Investment Banking. Anstatt (wie ich) einfach höhere Eigenmittel zu fordern, schlägt er vor: Zuerst das Geschäftsmodell, dann die dazu nowendigen Eigenmittel.

Warum glaube ich nicht an die gesetzliche Trennung des Investment Banking vom „guten“ Bankgeschäft?

  • Zunächst ist Investment Banking kaum praktikabel definierbar (ohne eine Reihe nützlicher Geschäftsarten zu verbieten);
  • Die Einhaltung des Verbots wäre sehr schwer zu kontrollieren;
  • Grosse Bankenkrisen beginnen meist nicht im Investment Banking, sondern in der guten alten Immobilienfinanzierung (siehe subprime Krise 2007). Die Regionalbankenkrise der Schweiz von 1991-94 heisst so, weil die Grossbanken die Verluste im Hypothekargeschäft durch Gewinne im Investment Banking kompensieren konnten.
  • Das Investment Banking kann das Finanzsystem auch in die Krise stürzen, wenn es nicht von den Banken betrieben wird (siehe die vom Zusammenbruch der Knickerbocker Trust Co. ausgelöste Bankenkrise der USA von 1907).
  • Ein derart tiefer Eingriff in die Geschäftsmodelle der Unternehmen wie ein Verbot des Investment Banking ist erst gerechtfertigt, wenn keine marktkonformeren Massnahmen (z.B. Eigenmittelanforderungen) helfen.

Vor allem brauchen wir das Investment Banking wohl nicht zu verbieten. Wenn wir von den Banken genügend hohe Eigenmittel verlangen (20-30% der Bilanzsumme), vergeht ihnen der Appetit auf sinnlose Risiken von selbst. Solange eine Bank für ihre Risiken selbst haftet, können uns ihre Verluste eigentlich auch egal sein.

In allen Punkten lasse ich mich gerne eines besseren belehren; das Thema ist zu wichtig für dogmatische Positionsbezüge. Und wer weiss: Wenn ein Händler dereinst in kurzer Zeit die halbe Bilanz verspielen kann, dann sind Eigenmittel tatsächlich für die Katz. Dann ist das Bankgeschäft aber kaum mehr in marktwirtschaftlichem Rahmen durchführbar.

Rettet unsere Jobs — höhere Eigenmittel jetzt!

In der Tagesschau von gestern habe ich zum Verlust bei UBS gesagt:

  • Ein Verlust von 2 Mrd., verursacht durch einen einzelnen Händler, darf auch nach dem Selbstverständnis der Banken nicht vorkommen, ohne vorher aufzufallen.
  • Es gibt offenbar kein Risikomanagement, auf das wir uns blind verlassen können.
  • Daher brauchen die Banken viel mehr Eigenmittel; mehr auch und schneller als bisher vorgesehen.

In der Nationalratsdebatte wiederholte die SVP einmal mehr, Eigenmittel seien schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit. Und richtig: Wollte nicht kürzlich sogar eine Grossbank nach London ausziehen?

Aber Moment mal: Wo sind die neusten Verluste der UBS entstanden? Wessen Konkurrenzfähigkeit haben die zu tiefen Eigenmittel gefördert? Wohl nicht diejenigen des Finanzplatzes Schweiz, der mit einem weiteren Reputationsschaden und einer unnötig geschwächten Bank dasteht.

Die Legende von den schädlichen Eigenmitteln hat Alexander Berentsen von der Uni Basel in einem früheren Eintrag kritisiert. Gedanken wirken langsam. Doch wer weiss? Vielleicht werden wir es noch erleben, dass Bankmitarbeiter auf der Zürcher Bahnhofstrasse für höhere Eigenmittel demonstrieren.

Bausparen: Subventionistis bei den Bürgerlichen

Die Meldung ging in den Milliardenverlusten der UBS unter. Gegen den Widerstand des Bundesrates hat sich der Nationalrat heute für die Annahme der beiden Bauspar-Initiativen ausgesprochen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole (siehe hier): Hier nochmals die wichtigsten Gründe gegen die beiden Initiativen.
– Bausparen subventioniert die Bessergestellten und die heutigen Immobilienbesitzer
– Wie jede andere Subvention verzerrt Bausparen die individuellen Entscheidungen
– Bausparen führt zu einer geringeren Wohnmobilität und somit tendenziell zu Mehrverkehr (weil die Immobilienbesitzer bei einem Jobwechsel nicht umziehen)
– Bausparen subventioniert die Baubranche und möglicherweise auch die Banken
– Bausparen führt zu einer Erhöhung der Immobilienpreise (und somit auch die Mieten der Nicht-Bausparer), da die Subvention (ähnlich wie die Steuern) in den Preisen berücksichtigt werden.
– Bausparen belastet die Staatsfinanzen
– Die Schweiz kennt das Bausparen bereits durch die Möglichkeit des Vorbezugs von Mitteln der 2. und 3. Säule der Alterssicherung. Ironischerweise wird fast gleichzeitig zur Bauspardebatte über eine Einschränkung dieser Möglichkeit diskutiert.

Ich würde gerne wissen, weshalb sich eine Mehrheit des Nationalrats für eine Vorlage ausspricht, die nur einer kleinen Minderheit der Bürger Vorteile verschafft, allen anderen aber nicht absehbare monetäre und nichtmonetäre (Verkehr, Zersiedelung) Kosten aufbürdet. Ebenfalls würde ich gerne wissen, weshalb gerade bürgerliche Parlamentarier, für die andere Subventionen des Teufels sind, sich für diese Subventionen stark machen. Und zu guter Letzt würde mich interessieren, welche – wohl ziemlich abenteuerliche – Definition einer Sozialen Wohlfahrt die Bausparsubventionen verteilungspolitisch zu rechtfertigen mag. Sachdienliche Hinweise werden gerne als Kommentare entgegengenommen.

Kursuntergrenze – ein gute Idee? Fortsetzung

Mein St. Galler Kollege Simon Evenett, Professor für Internationale Wirtschaft und Entwicklung und Academic Director des MBA Programms, macht sich ebenfalls Gedanken zu den Folgen der Kursuntergrenze der SNB. Er betont vor allem die möglicherweise umverteilenden Wirkungen der Massnahme. Simon befürchtet, dass damit die Exportindustrie auf Kosten der Schweizer Mieter, Konsumenten und investierenden Firmen unterstützt wurde. „Robbing Peter to pay Paul“ wie es auf Englisch so schön heisst.
Etwas optimistischer wurde die Massnahme gestern in der DRS1 Simon Sendung Doppelpunkt „Was geschieht mit unserem Geld“, beurteilt. Meine Kollegen Georg Rich (ehemaliger Chefökonome der SNB) und Tobias Straumann (Wirtschaftshistoriker der Universität Zürich) beleuchteten die Wirkungen der SNB Untergrenze im historischen und aktuellen (EU Krisen-) Kontext. Als Diskussionsteilnehmerin bin ich natürlich befangen, aber ich fand die Sendung dank meinen Kollegen, den interessierten Studiogästen und dem Diskussionsleiter Daniel Hitzig sehr gelungen.

Skandal am Knabenschiessen: 1 Euro = 1 Franken!

So eine Frechheit! Die Betreiber der Punching-Ball-Maschine am Zürcher Knabenschiessen gehen offenbar davon aus, dass Schweizer siebenmal zuschlagen müssen, wo einem Europäer drei Schläge ausreichen. Doch nicht genug: Sie setzen sich auch schamlos über die Wechselkursuntergrenze der Nationalbank von 1.20 hinweg und setzen Euro und Franken keck auf pari. Zeit, dass die Nationalbank den Schlägertrupp vorbeischickt.

Das P-Wort

Am 2. September hat an der ETHZ das „Energiegespräch“ stattgefunden. Das Hintergrundpapier ist aus verschiedenen Gründen interessant. Erstens stimmt es optimistisch in bezug auf die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Energiesparen. Zweitens vermeidet es weitgehend das entscheidende Wort: den Preis. Dabei macht der Preis in der Wirtschaft den Unterschied zwischen Sein und Nichtsein — zwischen Nachfrage und blossem Wunsch. Schon Adam Smith wies darauf hin, dass auch ein armer Schlucker gerne einen Sechsspänner hätte, aber keine wirksame Nachfrage nach einem solchen ausübt (Wealth of Nations, I,7:8). Weil eben der Preis zu hoch wäre.

Weshalb fürchten die Teilnehmer an der Energiediskussion das P-Wort wie der Teufel das Weihwasser? Es scheint, die eine Seite will sich den Sechspänner nicht nehmen lassen und spricht statt von der (preisabhängigen!) Nachfrage lieber von „Bedarf“ oder der „sich abzeichnenden Versorgungslücke“ (www.energiedebatte.ch). Die andere Seite möchte den Sechsspänner lieber gleich verbieten und weiss daher mit dem Preis auch nichts anzufangen. Ein grüner Ständeratskandidat bloggt deshalb: „Private Verbraucher wissen oft nicht einmal über ihre Stromkosten Bescheid. Erhöhte Strompreisen mögen zwar als politische Drohkulisse eine Wirkung haben. Aber die Privat-Verbraucher, welche bewusst nicht aus ökologischen, sondern aus monetären Gründen Strom sparen, sind wohl spärlich gesät. Und sie würden es auch bleiben, wenn der Strompreis doppelt so hoch wie heute wäre.“

Kurz: Die einen hassen den Preis, weil sie ihn nicht bezahlen wollen, die andern, weil sie lieber Vorschriften verwalten.

Der letzte Marktwirtschafter möge dann bitte das Licht löschen.

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Andere Batz-Artikel zur Energiediskussion:
https://batz.ch/2011/07/heizpilz-mit-kuhlem-kopf/
https://batz.ch/2011/07/die-kreative-co2-buchhaltung-der-sbb/
https://batz.ch/2011/07/ich-bin-auch-ein-heizpilz/
https://batz.ch/2011/06/ausstieg-aus-der-okonomischen-vernunft-i/
https://batz.ch/2010/09/weil-noch-das-lampchen-gluht/

Ein Euro für 1.56 Franken – einige Preise bewegen sich doch nicht

Nach dem positiven Beispiel vor einigen Tagen, hier ein negatives Beispiel. Das Modeunternehmen Bogner rechnet für seinen Versandhandel (!) immer noch mit einem Wechselkurs von 1.56 Franken/Euro. Beispiel: Kleid Elena kostet in Deutschland 799 Euro, in der Schweiz satte 1250 Franken. Man braucht bei der Versandhomepage lediglich das /ch/ durch /de/ ersetzen und voilà…
Zur Erinnerung: 1.56 Franken kostete der Euro vor rund 3 Jahren. Dazu kommt noch, dass die Mehrwertsteuer in Deutschland mit 19% wesentlich höher ausfällt als in der Schweiz mit 8%. Im Versandhandel sollten zudem Lohnkosten keine direkte Rolle spielen.
Es geht mir nicht drum, einzelne Geschäfte anzuprangern. Das Beispiel zeigt aber: Es lohnt sich nach wie vor, den Importeuren auf die Finger zu schauen – und/oder um die betroffenen Firmen einen grossen Bogen zu machen.