Durchleuchtete Bailouts

Urs Birchler

Hat die Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, mit ihrer Liquiditätshilfe während der Finanzkrise den Geschäftsbanken 13 Mrd. USD „geschenkt“? Auf diesen Betrag beziffert Bloomberg den Zusatzertrag, den die Banken erzielten, indem sie beim Fed Hilfskredite zu günstigen Konditionen aufnahmen und dann zu besseren Konditionen anlegten.

Noch brisanter als diese Subvention scheinen die Beträge, mit denen das Fed den Banken zu Hilfe eilen musste. Öffentlich bekannt waren die Beträge des vom Kongress bewilligten TARP-Programms in der Grösse von rund 700 Mrd. USD. Dass die Fed-Liquiditätshilfe aber mit 7’700 Mrd. USD das Elffache des TARP betrug, wurde erst jetzt bekannt. Die Agentur Bloomberg hat, wie sie in einem Video darstellt, zwei Jahre lang gegen das Fed prozessiert und aufgrund der Freedom of Informations Act am Ende gewonnen. Deshalb musste das Fed nun ausweisen, welche Bank in der Finanzkrise wieviel Hilfskredite erhalten hat. Dabei kam zutage, dass zum Beispiel die Bank of America ihre ihre Position im November 2008 als stark darstellte (“one of the strongest and most stable major banks in the world”), obwohl sie gleichzeitig mit 84 Mrd. USD am Tropf des Fed hing.

Bloomberg hat die Schätzung der Subventionen durch die Hilfskredite in einer interaktiven Grafik zusammengestellt. Wer sorgfältig mit dem Mauszeiger über die Balken fährt, findet auch die Zahlen für die beiden Schweizer Grossbanken: Diese sollen auf den Fed-Hilfskrediten 284 Mio USD (CS), bzw. 154 Mio USD (UBS) verdient haben.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Urs Birchler

Ein Blödsinn kommt selten allein. Vor kurzem lasen wir, Aktienhändler seien gemäss einer wissenschaftlichen Studie rücksichtsloser als Psychopathen. Noch war der Schock nicht verheilt, doppelte die englische Kirche mit einer Umfrage nach. Resultat: Banker sind geldgierig (und geben es noch zu!). Jetzt zielt der Tagesanzeiger mit einem dritten Schlag Richtung Gürtellinie: Manager sind Narzissten und Narzissten gehen übertriebene Risiken ein. Die Erkenntnis stammt aus dem Interview mit einem renommierten Psychoanalytiker.

Mit dem ersten Blödsinn (Aktienhändler und Psychopathen) haben Gebhard Kirchgässner und Florian Habermacher in der NZZ bereits aufgeräumt. (Das Experiment beruhte auf dem sogenannten Gefangenen-Dilemma, wo Kooperation klar nicht rational ist. Die Händler waren — wer hätte das gedacht — rationaler als Psychopathen und daher eben weniger kooperativ.) Die Umfrage der Kirche (und deren Interpretation) haben wir im Batz bereits besprochen.

Bleibt der Narzissmus der Manager. Da mich der Ausdruck Narzissmus in seiner Vagheit seit eh nervt, griff ich in der Not zur Wikipedia. Dort steht u.a. folgendes: „Das Wort entstammt der Sexualwissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts“. Der Begriff meint im „weitesten Sinn die Selbstliebe als Liebe …, die man dem Bild von sich entgegenbringt. Im engeren Sinn bezeichnet er eine auffällige Selbstbewunderung oder Selbstverliebtheit und übersteigerte Eitelkeit.“ Weiter heisst es dann, Narzissmus sei ein mehrdeutiger Begriff.

Sind Manager Narzissten? Als Ökonom sollte ich vorsichtig urteilen. Die Manager die ich persönlich kenne, vor allem die erfolgreichen, sind in erster Linie pragmatisch denkende, intelligente, kompromiss- und teamfähige Personen. Selbstverliebt? Ein bisschen Eitelkeit gehört vielleicht zur Leistungbereitschaft. Wer die Pflicht erfüllt, darf auch bei der Kür antreten. Warum sonst hätte die Evolution den Narzissmus als eine, wenn man den Psychologen glaubt, recht häufige Eigenschaft überleben lassen? Offenbar ist es — immmer noch Wikipedia — tatsächlich „nicht immer einfach, produktive Formen des Narzissmus, die von Initiative und visionärem Tun geprägt sein können, von destruktiven zu unterscheiden, beispielsweise in Bereichen der Politik und Wirtschaft.“ Gleichwohl: „Narzissten überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und zerstören aus Neid, was begabtere Menschen aufgebaut haben. Wenn Narzissten eine leitende Funktion ausüben, leiden die Betroffenen sehr. Wenn möglich, entziehen sich Mitbetroffene ihrem Einfluss.“

Meine Diagnose: Mit Narzissmus ist hier kein Erkenntnisgewinn zu holen. Es ist gegenwärtig alles recht, um Banker, Aktienhändler, Manager bis hin zu den Unternehmern schlecht zu machen. Ich habe in diesem Blog manch hartes Wort über die Banken gebraucht. Aber das letzte, was wir jetzt brauchen, sind Sündenbocktheorien. Daher meine narzisstische Wut.

Noch mehr Einwanderung – nach Australien

Monika Bütler

Die Zunahme der Einwanderung in die Schweiz wird meist der Personenfreizügigkeit
mit der EU zugeschrieben. Das ist zwar eine mögliche Erklärung, aber längst
nicht die einzige. Auch in Ländern ohne freizügige Zuwanderungsregeln wächst
die Immigration. Interessant ist, das dies sogar für Australien gilt.
Australien sorgt  nämlich mit einem relativ strengen Punktesystem dafür,
dass in erster Linie Leute ins Land kommen, für die eine Nachfrage auf dem
Arbeitsmarkt besteht. (siehe auch hier)

Unser älterer Sohn (nicht aber ich – zu alt wahrscheinlich ;-)) erhielt vor einigen
Tagen folgende email:

Dear Peter,

Welcome to the November 2011 Edition of the Migration Expert
Newsletter. Recent statistics released by the Department of Immigration And
Citizenship (DIAC) shows a 54.2 percent increase in Temporary Work Visa
(subclass 457) approvals compared to the previous year. The majority of 457
visas are being issued to skilled professionals in health & medical, and
construction industries.

If you have taken our Online Visa Eligibility Assessment and
passed, we recommend that you start your application now while you still meet
the criteria. If you took our assessment previously and did not meet the
criteria, we recommend you retake the assessment, or contact us for a telephone
consultation to discuss your options for immigration. Please contact Migration
Expert to find out more.

Kind Regards,

The Team at Migration Expert

Ineffiziente Grosszügigkeit

Marius Brülhart

Überdurchschnittlich viele Hausbesitzer hegen derzeit den Wunsch, ihr Eigentum noch vor den Festtagen an die jüngere Generation zu überschreiben – und dies obwohl, so ist anzunehmen, viele dieser Schenker kerngesund sind und eigentlich noch Freude haben an ihrem Immobilienbesitz.

Zugrunde liegt der vorweihnächtlichen Grosszügigkeit eine mögliche Veränderung des Steuersystems. Ab Neujahr besteht nämlich die Gefahr, dass verschenkte Vermögenswerte über der Zweimillionengrenze dereinst mit einem Steuersatz von 20 Prozent belangt werden. Eine Rückwirkungsklausel in der unlängst lancierten Initiative für eine nationale Erbschaftssteuer sieht es so vor.

Eine vorverschobene Vermögensübertragung angesichts der drohenden Besteuerung kann für die Betroffenen durchaus sinnvoll sein. Der Ansturm auf die Notariate ist somit weder überraschend noch verwerflich. Und dennoch ist diese Reaktion für die Betroffenen kostspielig, denn wäre das Steuergespenst nicht am Horizont aufgetaucht, hätten die meisten mit der Überschreibung noch zugewartet.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist dies ein besonders augenscheinliches Beispiel der versteckten Kosten, die jede Steuer nach sich zieht. Den vorzeitigen Schenkern entsteht materieller und emotionaler Aufwand. Und manch einem Beschenkten dürfte es bei der Sache auch nicht ganz wohl sein – nicht zuletzt wenn er durch die Transaktion an die Vergänglichkeit seiner Eltern erinnert wird. Wie trefflich somit der englische Ausdruck für solch versteckte Kosten von staatlichen Eingriffen in die wirtschaftliche Freiheit: „deadweight loss“.

Und dennoch: Gerade hinsichtlich der versteckten Kosten schneidet die Erbschaftssteuer besser ab als andere Steuerarten. Steuern schaffen immer Anreize zur Vermeidung, aber die Ausweichmöglichkeiten bei der Erbschaftssteuer sind relativ gering. In den USA werden die Kosten von Ausweichmanövern auf 3 bis 8 Cents pro Dollar Erbschaftssteuereinnahmen geschätzt. Meine Schätzung für die Schweiz liegt zwischen 1 und 12 Rappen pro kantonalem Erbschaftssteuerfranken. Dies sind relativ tiefe Werte. Eine aktuelle amerikanische Studie (in der Schweiz gibt es meines Wissens noch nichts Vergleichbares) beziffert den „deadweight loss“ der Einkommenssteuer beispielsweise auf 20 Cents pro Dollar im Durchschnitt, und auf 34 Cents wenn man nur den obersten Teil des Steuertarifs betrachtet.

Die gegenwärtige Bescherungsfreude von Immobilienbesitzern liefert ein treffliches Beispiel der unseligen Nebenwirkungen von Steuern. Paradoxerweise erinnert sie uns gleichzeitig daran, dass die Erbschaftssteuer gerade hinsichtlich ihrer ökonomischen Nebenwirkungen eine der schmerzloseren Steuerarten ist.

Jungfräuliche Abwertung

Monika Bütler

Eine Abwertung der Währung kann positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation eines Landes haben. Erstens reduziert sie den Realwert der ausstehenden Schulden (allerdings nur fall diese in der eigenen Währung ausgestellt sind). Zweitens
verbessert eine Abwertung das reale Austauschverhältnis (terms of trade)
zwischen In- und Ausland und somit die internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Gerade dieser zweite Einflusskanal wäre für Länder wie Griechenland sehr
wichtig, um aus der Abwärtsspirale auszubrechen. Doch Griechenland und andere
Krisenländer haben keine eigene Währung.

In einem neuen Forschungspapier zeigen Emmanuel Farhi (Harvard), Gita Gopinath (Harvard) und Oleg Itskhoki nun, dass ein Land auch ohne eigene Währung – und somit ohne eigene Geldpolitik – „abwerten“ und so das reale Austauschverhältnis
verbessern kann. Eine geeignete „fiskalische Abwertung“, wie es die
Autoren bezeichnen, hat die gleichen Auswirkungen wie eine eigentliche
Abwertung der Währung. Erreicht wird eine solche fiskalische Abwertung durch
eine Erhöhung der Mehrwertsteuer mit einer gleichzeitigen Senkung der
Einkommenssteuern. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer verteuert die Importgüter
und verbilligt die Exporte im Vergleich zu den inländischen Verkaufspreisen, da
Exporte von der Mehrwertsteuer ausgenommen sind und die Lohnkosten wegen der
reduzierten Einkommenssteuer sinken. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer wirkt
damit ähnlich wie eine Steuer auf Importprodukten. Die gleichzeitige Reduktion
der Einkommenssteuer stellt sicher, dass sich die inländischen Produkte für die
Inländer real nicht verteuern. Der Gesamteffekt ist daher der gleiche wie eine
direkte Abwertung der Währung durch die Geldpolitik. Farhi, Gopinath und
Itskhoki zeigen, dass die Gleichwertigkeit einer „normalen“ Abwertung
und einer fiskalischen Abwertung unter den meisten realistischen Bedingungen
gültig ist.

Besteht demnach doch noch Hoffnung für Griechenland? Nur zum Teil. Die fiskalische Abwertung funktioniert nur, wenn die Exporte tatsächlich von der Mehrwertsteuer
ausgenommen werden. Für den für Griechenland so wichtigen Tourismus ist dies nicht  der Fall.

Nachtrag: Peter Moser (siehe Kommentar) hat mich drauf aufmerksam gemacht, dass in der ersten Version dieses Beitrags noch ein Fehler war: Fälschlicherweise habe ich angenommen, dass innerhalb der EU kein Ausgleich der Mehrwertsteuer an der Grenze besteht. Wie Peter Moser ausführt wird auch innerhalb der EU die inländischen Mehrwertsteuer zurückerstattet und die Mehrwertsteuer des Ziellandes belastet.

 

Höhere Renten für Dicke!

Monika Bütler

Der Bundesrat hat beschlossen, die Pensionskassen zu ermächtigen, Umwandlungssätze in der beruflichen Vorsorge nach Risikoverhalten abzustufen. Normalgewichtige  tragen mit ihrer Lebensweise massgeblich zur Explosion der Rentenkosten bei der AHV und den Pensionskassen bei. Dieses Risikoverhalten der Dünnen soll künftig durch eine Reduktion der BVG-Altersrenten um bis zu 15 Prozent kompensiert werden.

Natürlich stimmt diese Meldung nicht. Nicht ganz, respektive. Doch seit eine mehr als fragwürdige Studie einer 53% Mehrheit der Schweizer(innen) ein zu grosser Bauchumfang attestierte, geistert das Gespenst der risikogerechten Prämie in der Krankenversicherung wieder herum. Logisch zu Ende gedacht, müsste daher den (angeblich) Dicken nicht nur höhere Krankenkassenprämien in Rechnung gestellt werden. Nein, sie müssten im Gegenzug von der tieferen Lebenserwartung „profitieren“, das heisst für den kürzeren Ruhestand höhere Renten erhalten.

Risikogerechte Prämien in den obligatorischen Sozialversicherungen führen nicht nur zu bürokratischen Leerläufen sondern auch zu verteilungspolitische unerwünschten Resultaten.

Ärmere Menschen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu sein. Beim Gewicht kann noch mit «Selbstverschulden» argumentiert werden. Doch die Grenze zwischen beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Risikofaktoren ist fliessend. Ebenso wichtig scheint mir eine andere Auswirkung von immer komplizierteren Versicherungsverträgen. Die Teilzeit arbeitende Städterin, die regelmässig das Fitnessstudio aufsucht, wird eher Zeit und den Zugang zu relevanten Informationen haben, den für sie günstigsten Vertrag in der «risikogerechten» obligatorischen Krankenversicherung zu suchen, als die ebenfalls schlanke Bergbäuerin.

Die beiden kursiv gedruckten Paragraphen stammen (leicht abgeändert) aus einer NZZaS Kolumne von mir (ich habe mich damals schon über die Forderung nach risikogerechten Krankenkassenprämien für Raucher und Dicke geärgert). Der ganze Text kann hier nachgelesen werden.

Geld und Schönheit

Urs Birchler

Der Batzen grüsst seinen goldenen Bruder den Florin (florint, forint; Gulden). In dessen Heimatstadt Florenz ist gegenwärtig die Ausstellung Denaro e Bellezza zu sehen (Money and Beauty; Bankers, Boticelli and the Bonfire of the Vanities). Die Ausstellung bezaubert nicht in erster Linie durch Grösse, sondern durch ihr Konzept: Sie zeigt am Beispiel der Zeit der Medici das Spannungsverhältnis zwischen Geld und Macht einerseits und geistigen Werten wie Kunst und Religion andererseits. Während drinnen der Bussprediger Savonarola den Bankiers die Leviten liest, harren draussen die Vertreter von „Occupy Firenze“ in ihren Zelten.

Besucher können im übrigen selber tausend Gulden investieren. Der Schreibende brachte es mit Investitionen in ihm kaum verständliche Finanzinstrumente auf eine Rendite von 11 Prozent (Rang 3 in der Familie), was gleichwohl zum Kauf des Katalogs mit Rabatt berechtigte. Wer nicht hinfährt, ist selber schuld.

Nachtrag: In der ersten Version von heute früh ist eine Panne beim Titel (sowohl dieses Artikels als auch beim Zitat der Austellung) passiert. Und ich war nur Dritter von vier! Morgenstund hat nicht immer Gold im Mund.

Have the Hawks Effectively Won the Lender of Last Resort Argument in Europe?

Simon Evenett

Simon Evenett, Professor an der Universität St. Gallen, schreibt einen Artikel, ob die Europäische Zentralbank als „lender of last resort“ umfassend italienische und spanische Staatsanleihen kaufen soll oder nicht. Er argumentiert, dass selbst wenn die Gegner dieser Massnahme (Deutschland) die Debatte noch nicht für sich entschieden haben, ihre reine Opposition genügt, um dies zu verhindern.

Glückwünsche im Multipack

Monika Bütler

Auf die Schnelle herzliche Gratulation an unsere wirtschaftspolitisch aktiven Kollegen:

  • Elsa Fornero (Universita die Torino) als Arbeits- und Sozialministerin in der neuen italienischen Regierung um Mario Monti.
  • Stefan Bühler (Universität St. Gallen) zur Wiederwahl als Vizepräsident der Wettberwerbskommision (WEKO).
  • Armin Schmutzler (Universität Zürich) und Winand Emonds(Universität Bern ) als neue Mitglieder der WEKO. 

     

 

Herzliche Gratulation Gebhard Kirchgässner

Monika Bütler

Eine grosse Ehre für unseren Mit-Batzer Gebhard
Kirchgässner. Am heutigen dies academicus der Universität Freiburg i.Ü. wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
verliehen. Die offizielle Würdigung findet sich hier.

Für uns ist Gebhard ein brillanter Denker und Lehrer, der
sich nie zu schade ist, in der aktuellen Debatte mitzumischen.