Adventskalender 4

Urs Birchler

Astronomisch und heuer auch meteorologisch liegt der Advent fast ganz im Herbst. Deshalb scheint es erlaubt, Franz Hohlers Herbschtgedicht zu zitieren.

Dusse goht der Wind
E Flöige putzt der Grind
De Schpatze glänze d Schnäbel
E Chue seicht dure Näbel
Me gseht se eignig Schnuuf
S Benzin schloht wider uf

Das Gedicht stammt aus dem Band Das Kurze. Das Einfache. Das Kindliche. Dort erzählt der Autor auch, dass sein Gedicht ins Japanische übersetzt wurde, und gibt eine Rückübersetzung ins Deutsche.

Ich weiss nicht, ob das Gedicht aus der Zeit der Erdölkrisen der 1970er Jahre stammt oder aus dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, in dem Aufschläge beim Benzinpreis so verlässlich waren wie die Herbstnebel.

Occupy truth

Urs Birchler

Eine Kandidatin fürs Guiness Book of Records in der Kategorie „Höchster beanspruchter Hilfskredit pro Mitarbeiter“ ist die im Oktober 2009 verstaatlichte deutsche Hypo Real Estate. Gemäss der Auswertung der dem Fed abgerungenen Zahlen (siehe auch unseren kürzlichen Beitrag) durch Bloomberg bezog die Bank vom Fed in der Spitzenzeit — mucksmäuschenstill — 28.7 Mrd USD — zusätzlich zu Kreditgarantien der Bundesregierung von 142 Mrd Euro (206 Mrd USD). Die Fed-Hilfe belief sich damit auf 21 Mio USD pro Mitarbeiter.

Die Deutsche Bank stand beim Fed mit maximal 66 Mrd USD in der Kreide. Darüber verlor sie nie ein Wort, weder im November 2008 (Josef Ackermann: Deutschland könne stolz sein, eine Bank zu haben, die in diesen schwierigen Zeiten einen Gewinn erwirtschafte), noch als er am 22. Nov. 2011 vor der Occupy-Bewegung die gesellschaftliche Verantwortung der Banken betonte („Jeder Steuerzahler und Politiker sollte froh darüber sein, wenn Unternehmen ohne Staatshilfe auskommen“).

Bonds oder Brot?

Kjell Nyborg

Kunden der deutschen Bäckerei-Kette Wiener Feinbäcker Heberer haben jetzt die Wahl: Zusätzlich zum gewohnten Brotsortiment bietet der Bäcker auch Schuldverschreibungen an. Die Kette mit ihren 350 Niederlassungen sucht 12 Mio Euro für ihre weitere Expansion.

Der Kommentar der Financial Times vom 2. Dezember: „When a thriving business with profits growing at 30 per cent a year resorts to this kind of financing, it is a pretty sure sign that banks are not fulfilling their role.“

Haben die Banken ihr Verfalldatum überschritten? Oder die Brötchen?

Die Brötchen-Bonds (mit Rückzahlungsdatum am 31. Juli 2016) bieten einen jährlichen Zinssatz von 7 Prozent.

Adventskalender 3

Diana Festl-Pell

Gerade zur Adventszeit flattern praktisch täglich Spendenaufrufe von diversen gemeinnützigen Organisationen ins Haus. Diese Art der Adhoc-Spende aus schlechtem Gewissen zum Fest der Nächstenliebe war für mich aber irgendwie immer unbefriedigend. Umso glücklicher war ich, als mir ein ehemaliger Klassenkamerad, heute Völkerrechtler, von seiner Hilfsorganisation in Liberia erzählte.

Seit drei Jahren bin ich nun stolze Patin von Patience Chea, die mittlerweile in die 3. Klasse der neuerbauten Waisenhausschule geht. Gestern habe ich Post von ihr erhalten. Sie hat von der Friedensnobelpreis-Auszeichnung für ihre Präsidentin, Ellen Johnson Sirleaf, und für die Politikerin Leymah Roberta Gbowee erfahren.

Ganz begeistert schreibt sie, dass sie jetzt neben Ärztin noch zwei weitere Berufswünsche habe: Sie möchte nun auch Menschenrechtlerin und nächste Präsidentin werden! Ich bin überzeugt, dass sie das schaffen kann.

Adventskalender 2

René Hegglin

Als heutigen Beitrag gibt es ein interaktives Spiel, welches seit einiger Zeit als Bestandteil experimenteller Wirtschaftsforschung untersucht wird.

Aufgabe ist es, eine Zahl von 0 bis 100 zu schätzen, welche am nähesten an 2/3 vom Durchschnitt aller Schätzungen kommt. Als Beispiel: wenn der Durchschnitt aller Schätzungen 60 ist, so würde die Schätzung, die am nähesten bei 40 (=2/3*60) liegt, gewinnen.

Also: Welche ganze Zahl von 0 bis 100 liegt am nächsten bei 2/3 vom Durchschnitt aller Eingaben der Batz-Leser?

Die Lösung folgt in zwei Wochen.

Immobilienpreis-Blase?

Urs Birchler

Bevor ich The Economist vom vergangenen Samstag zum Altpapier legte, warf ich nochmals einen Blick auf die Statistik der Immobilienpreise. Danach sind die Hauspreise in der Schweiz sowohl gemessen an den Mieten, als auch im Verhältnis zu den Einkommen — unterbewertet! Nicht massiv, aber immerhin nicht überbewertet.

Besonders schön ist die interaktive Grafik aus der Online-Ausgabe. Sie zeigt die Entwicklung der Immobilienpreise seit 1975 in verschiedenen Ländern. In der Schweiz ist der Anstieg so schwach, dass man die Kurve (hellbraun) fast nicht sieht. Den Atem verschlug’s mir gleich zweimal: Zum erstenMal beim Blick auf die Kurve für die USA: Die Immobilienpreisblase von 2005-2007 ist zwar sichtbar, wirkt aber fast lächerlich klein. Die Linie liegt direkt über jener für die Schweiz. Und dieses Subprime-Bläschen stürzte die Welt (angesichts der Grösse der USA und der Höhe der Verbriefungspyramide) in die Finanzkrise! Zum zweiten Mal blieb mir der Schauf weg beim Blick hoch zu den erhabenen Gipfeln: Irland (inzwischen teilweise korrigiert) und Spanien (wenn das nur mal gutgeht).

Wer den Link (oben) anklickt, kann die abgebildete Zeitperiode (und die abgebildete Reihe: nominell, real, im Verhältnis zu Mieten, etc.) selbst wählen. Setzt man zum Beispiel bloss den Anfangszeitpunkt auf das 4. Quartal 2005, erscheint schon ein anderer Spitzenreiter — die Schweiz!

Sowohl die Anhänger als auch die Leugner einer Immobilienblase in der Schweiz (ein neues Wort: „Die Blasenleugner“!) finden also dank statistischem Basiseffekt Evidenz zu Ihren Gunsten.

Adventskalender 1

Diana Festl-Pell

Der Advent, die Zeit der Besinnung und Vergebung, scheint im Jahr 2011 in Europa, zumindest für einige politische Wortführer und krisengebeutelte Haushaltswächter, nicht ganz so besinnlich zu werden. Umso wichtiger, sich des zweiten moralischen Anspruches wieder bewusst zu werden – der Vergebung. Ganz gleich, ob religiös oder nicht: In der Weihnachtszeit finden Freunde und Familie zusammen, alte Kriegsbeile werden begraben.

Dass sich die Probleme der Menschheit seit Jahrtausenden nicht sonderlich verändert haben, mag ein kurzer Blick in das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ (Lukas – Kapitel 15, 11-32; hier in Auszügen aus der schönen, alten Fassung der Luther-Bibel von 1912) belegen.

Eines der schönsten Barockbilder zu diesem Gleichnis wollen wir Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten (Künstler war Bartolomé Esteban Murillo; 1618 – 1682).

Vom verlorenen Sohn

„Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngste unter ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange danach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen und zog ferne über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen.

Da er nun all das Seine verzehrt hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbe ganze Land, und er fing an zu darben. […] Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet’s; […].

Aber der älteste Sohn war auf dem Felde. […] Er aber antwortete und sprach zum Vater: Siehe, so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, hast du ihm ein gemästet Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und gutes Muts sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden.“

Verschuldung und Demographie II

Monika Bütler

Vor einiger Zeit schrieb mein Kollege Uwe Sunde einen interessanten Beitrag über die
Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Verschuldung der Staaten. Auch
wenn es momentan wohl niemanden mehr gibt, der die explodierenden Schulden
verniedlichen möchte: Es kann noch schlimmer kommen. Wenn es die Staaten nicht
rechtzeitig schaffen, die implizite Verschuldung durch die Sozialwerke in den
Griff zu bekommen.

Für interessierte Leser(innen) hier der Link auf den ursprünglichen batz Beitrag und das Grundlagenpapier von Cecchetti, Mohanty und Zampolli.