Standortförderung light

Auf einer Webpage einer internationalen Schule habe ich folgendes Zitat gefunden:

„We consider xxx International School an asset for the Canton of Zurich – and not only for economic reasons.  Just as important are other, soft factors: for internationally mobile families, institutions like xxx represent far more than just a school.  They provide a place for social interaction among children and parents, for a close-knit family, and special community events outside the regular school day.“
Regine Aeppli, Head of Zurich Cantonal Education Department.

Leider geht es internationalen Schulen nicht besser als Google. Wegen der drastisch gekürzten Kontingente für Nicht-EU-Ausländer fehlen die Lehrer. Dabei gäbe es durchaus bewährte Alternativen zur Schweizerischen Einwanderungspolitik. Lesen Sie meinen Beitrag in der NZZaS vom 25. April 2010 hier.

Too Big to Fail — 1:0 für die Grossbanken

Halbzeit im Match Schweiz gegen die Grossbanken: Heute hat die Expertengruppe des EFD (Vorsitz: Peter Siegenthaler) ihren Zwischenbericht publiziert. Die Grossbanken liegen in Führung —  eher überraschend nach den markigen Ankündigungen der Politiker im Sinne von „nie wieder“ , wie sie nach der Rettung der UBS von links bis rechts erschallten.

Die Gegner der Rettung von Banken auf Staatskosten haben grosse Chancen ausgelassen. Der Bericht bespricht ausführlich die volkswirtschaftliche Rolle der Grossbanken (die ich hiermit ebenfalls und aus eigener Anschauung ausdrücklich würdige). Er bleibt aber lakonisch, was die Gefahren des Too Big to Fail („ein erhebliches Risiko für den Staat und das Gemeinwesen“) betrifft. Dass die Staatshaftung eine Eigendynamik aufweist, die letztlich zum Modell Island tendiert, wird dabei verharmlost.

Ein Torerfolg in der zweiten Halbzeit ist den Gegnern des TBTF durchaus zuzutrauen. Der Angriff über die Idee „Schulden, die im Problemfall automatisch in Eigenmittel gewandelt werden“, ist vielversprechend. Nur fehlt jeder Hinweis darauf, dass den Banken die Ausgabe solchen bedingten Kapitals vorgeschrieben werden sollte, und zwar in genügender Menge.

Statt dessen versuchen es vor allem FINMA und SNB immer wieder über die Linie Eigenmittel und Liquidität. Mehr Eigenmittel mag gut sein, vor allem sind weder die Banken noch die Regulatoren auch nur annähernd fähig, Kosten und Nutzen von mehr oder weniger Eigenmitteln zu abzuschätzen. Vollends zur Verzweiflung bringt mich jedoch die im Bericht lancierte (wissenschaftlich nicht weiter abgestützte) Idee, das Problem der unfreiwilligen Staatshaftung sei mit Liquiditätsvorschriften zu verhindern, wie sie gestern FINMA und SNB angekündigt haben. (Gretchenfrage an FINMA: Zählen griechische Staatspapiere als jederzeit liquid? Spanische, italienische oder britische?)

In die Kabinen geschickt haben die Behörden alle Eingriffe in die Grösse oder in die rechtliche Struktur der Bankkonzerne. Die Grossbanken haben zwar über hundert rechtlich selbständige Konzernteile, vornehmlich um Steuern zu sparen und um Regulierungen zu umgehen. Wären behördliche Wünsche, systemrelevante Teile auch rechtlich abzutrennen, vor diesem Hintergrund tatsächlich unzumutbar? Falls ja, hätten wir das gerne näher erläutert gehabt.

Die Banken sollen sich jedoch so strukturieren, dass sie im Notfall leicht aufgeteilt werden können. Das tönt gut; bloss hat mir noch nie jemand erklärt, wie eine „Sollbruchstelle“ im Ernstfall funktionieren kann. Vielleicht kommt das im Schlussbericht. Nur: Die Banken haben ein Interesse, dass die Sollbruchstellen im Ernstfall eben nicht brechen, damit die Staatshilfe wieder unvermeidlich wird. Wenn man die Konzerne schon nicht aufbrechen will, sollte die Wohlfühlterminologie der vereinfachten Auflösung im Notfall, der Sollbruchstellen oder „living wills“ ehrlicherweise auch gleich aufgegeben werden.

Für die zweite Halbzeit (bis Herbst 2010) bleibt damit im Bericht als einzige noch brauchbare Idee, die (vorzuschreibende) Emission von Schuldpapieren, die im Notfall in Eigenmittel gewandelt werden. Ganz unproblematisch sind auch diese CoCos nicht. Wetten, dass die Expertengruppe auch diesen Ball verdribbeln wird? Oder folgt doch noch ein überraschender Pass in die Tiefe?

Ein Studium des Nutzens von Nutzenstudien

Gestern in der NZZ gefunden: Ein interessanter Aufsatz zum fraglichen Nutzen der weitverbreiteten Nutzenstudien verfasst von meinem Berner Kollegen Reto Föllmi: Was nützen die Nutzenstudien?.

 „Der Stoff ist (leider) zeitlos“ schreibt mir Reto Föllmi; frühere Beiträge zumselben Thema haben auch nichts genützt.

Hier eine Auswahl:

Konsum hängt nicht von Bahn und Bus ab. Kritik an Studie zum öffentlichen Verkehr. Reto Föllmi und Urs Meister, NZZ 23. Oktober 2004.

Wie Studien die Wirtschaft fünfmal grösser machen. Tilman Slembeck, NZZ am Sonntag, 3. Dezember 2006.

Bass erstaunt. Fragwürdige Studie zum Nutzen von Sozialleistungen. Silvio Borner, NZZ 6. Januar 2007. Mit Folgebeitrag „Ökonomen glauben nicht an Wunder“, ebenfalls von Silvio Borner, NZZ 18. Januar 2007.

Wer schützt uns vor dem Datenschutz?

Ich war letzte Woche für einige Tage Sans-Papiers — das Portemonnaie wurde mir gestohlen. Mitsamt den Ausweisen. Für die Ausstellung eines neuen Passes oder einer neuen ID benötigt man einen Verlustschein der Polizei. Leichter gesagt als getan. Die Polizei hat zwar der Zugang auf die Datenbank der schweizerischen IDs und Reisepässe, nicht aber — aus Datenschutzgründen — auf die zugehörigen gespeicherten Fotos. Somit bleibt die einzige von der Polizei einwandfrei identifizierbare Information die Körpergrösse der bestohlenen Person. Diejenigen, die mit Kopien der Ausweispapiere auf dem Polizeiposten erscheinen (also nicht ich), sind wohl nicht das Problem. Bei allen anderen wäre eine optische Identifikation sicher hilfreich. Es fragt sich, wer hier vor wem datengeschützt werden soll. Wer – wenn nicht die Polizei – sollte denn Zugang zu diesen Daten haben?

Ich habe zu guter letzt den gewünschten Verlustschein erhalten — ohne Messung der Körperlänge.

Soziologie qua Schachtelsatz

Voller guten Willens zur wissenschaftlichen Horizonterweiterung habe ich heute in einem soziologischen Werk über Ökonomie geblättert. Darin

„…wird die These vertreten, dass die Entwicklungsdynamik der modernen Ökonomie – und dies schliesst die […] evolutionären Prozesse auf den heutigen internationalen Finanzmärkten ein – sich weder durch einen Bezug auf Handlungsrationalität noch auf dem Wege einer allgemeinen Theorie materieller Reproduktion entschlüsseln lässt, sondern nur qua Analyse des Zusammenhangs ihrer rekursiv aufeinander verweisenden monetären Formen (etwa Preis, Geldfunktionen, Kapital, Profit, Zins etc.). Denn es sind diese Formen – so die zweifellos auf den ersten Blick befremdlich anmutende Überlegung –, die in der Sphäre des Ökonomischen Subjekt und Objekt vermitteln und beide Pole – das rational handelnde Individuum und die Wirtschaft als opakes Ding-an-sich – erst wechselseitig konstituieren, bzw. einer systemtheoretischen Lesart nach, die von Luhmann abstrakt konzipierte Konditionierung der Systemelemente – also Handlungen bzw. Kommunikationen – durch das System konkret bestimmen.“

So so.

Finanzprodukte als Wette auf den Tod?

Das gibt es tatsächlich: Es sind Lebensversicherungen, die in den USA durch Banken frühzeitig den Versicherten abgekauft werden, dies in der perfiden Hoffnung, sehr bald von der Versicherung den gesamten versicherten Betrag zurück zu erhalten. Diese zynische Spekulation auf das baldige Ableben der versicherten Person wird durch perverse Anreize genährt, die die Grundprinzipien der Marktwirtschaft zerstören. Vgl. unseren Artikel in Le temps vom 15. Jan. 2010.

Harter Fall statt Härtefall

Eine Hiobsbotschaft für die Lehrerin unseres jüngeren Sohnes: Sie darf ab sofort nicht mehr unterrichten. Nein, sie hat weder gestohlen noch Kinder geschlagen. Es ist viel einfacher: Sie ist Südafrikanerin. Ihre Arbeitsbewilligung wird nach zwei Jahren erfolgreicher Tätigkeit nicht mehr verlängert.

Der Hintergund: Der Bundesrat hat das Kontingent für Arbeitsbewilligungen für Spezialistinnen und Spezialisten aus Drittstaaten (Nicht-EU-Staaten) halbiert. Es wird 2010 deshalb maximal 2000 unbeschränkte Aufenthaltsbewilligungen („B“) und maximal 3500 Kurzzeit-Aufenthaltsbewilligungen („L“) geben. Entsprechend werden die Kantone auch nur halb so viele Arbeitsbewilligungen erteilen können. Zu den Nicht-EU Staaten gehören Länder wie die USA, Kanada und Australien, aus denen von schweizerischen Firmen hoch begehrte Spezialisten kommen. IT Firmen, internationale Schulen und Forschungsanstalten sind von den Einschränkungen ganz besonders betroffen.

Zum Vergleich: Im Jahre 2009 erhielten rund 50’000 Personen aus EU17- und EFTA-Staaten B- und L-Aufenthaltsbewilligungen. Ferner erhielten 10’542 Personen Asyl, wurden vorläufig aufgenommen, oder ihr Aufenthalt wurde aus anderen Gründen mit einer fremdenpolizeilichen Bewilligung geregelt, davon 2700 aufgrund einer Härtefallregelung.

Unsere Kinder und ihre hoch-qualifizierte und engagierte Lehrerin werden nicht die einzigen sein, die unter der absurden Einwanderungspolitik leiden. Ein Härtefall ist dies offenbar dennoch nicht. Öffentlicher Widerstand gegen den Verhältnisblödsinn bei den Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen scheint sich auch nicht zu regen. Der nichtgewährte Härtefall für einen in der Schweiz mehrfach vorbestraften, in seinem Heimatland in keiner Weise bedrohten Kolumbianer rührte hingegen die Tränen der Härtefallkommission und füllte während Tagen mehrere Seiten im Tagesanzeiger.

Flirts und Zwangsehen in der Geldpolitik

Peter Keller kommentiert in der heutigen Weltwoche den Flirt des IWF Chefökonomen Olivier Blanchard mit höheren Inflationsraten. Leider ist auch eine moderate Inflation nicht so harmlos wie sie scheint. Die Kosten tragen in erster Linie die sozial schwächeren, die Kleinsparer und Rentner, die sich nicht vor den Folgen der Inflation schützen können. Aber auch die ganze Volkswirtschaft, wie die historischen Beispiele zeigen. Ein Flirt mit moderaten Inflationsraten zum Zweck der Schuldensanierung führt leicht zu einer Zwangsheirat mit hoher Inflation und Instabilität. Letztlich ist auch eine Scheidung von der Inflation teuer. Und die Scheidungskosten tragen ebenfalls die Kleinen. Der Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank Philipp Hildebrand und der Präsident der Deutschen Bundesbank Axel Weber haben dem Vorschlag auch aus geldpolitischer Perspektive eine klare Absage erteilt. Die Argumente für eine höhere Inflation beruhten auf falschen Annahmen.

Woher das Wort „flirt“ kommt ist etymologisch nicht eindeutig geklärt.  Möglicherweise vom altfranzösischen fleureter, blumigen Unsinn schwatzen. Hoffentlich bleibt es diesmal beim Geschwätz. Lesetipp: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Im Buch werden die dramatischen Folgen einer galoppierenden Inflation im Österreich der Zwischenkriegszeit beschrieben.