Die neue Sprachregelung der Stadt Bern hat zwar nur indirekt mit Wirtschaftspolitik zu tun (immerhin scheint es mir doch eine ziemlich unproduktive Verschwendung von Steuergeldern), ich kann mir den Kommentar dennoch nicht verkneifen. Unter dem Titel der Gleichstellung plagen wir Sprache und Ausdrucksfähigkeit. An der Hochschule gibt es keine Studenten und Studentinnen mehr sondern Studierende, die Professorin wird zur Lehrenden (oder später zu Hause zur Erziehungsberechtigten), der Übungsleiter zum Übungsleitenden. Konsequenterweise müssten auch die Fussgänger zu Zufussgehenden umbenannt werden. Und da das ganze dann doch etwas kompliziert wird, können wir sie dann immer noch Zufuges nennen (wie Azubis = Auszubildende). Wenigstens ist das Zebra sprachlich ein Neutrum.
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Shinrai
Als Ergänzung zu Christian Thöni’s wissenschaftlicher Forschung zur Rolle des Vertrauens bei ökonomischen Transaktionen sozusagen:
Ein ziemlich unerwartetes Ausmass an Vertrauen bringt uns ein japanisches Taxiunternehmen entgegen. Für den gemieteten Minibus mit Fahrer, den wir wohl fast den ganzen Tag beanspruchen werden, mussten wir weder eine Anzahlung leisten noch eine Kreditkartennummer bekanntgeben. Von mir kennt die Firma lediglich die email Adresse und die Flugnummer. Und dies in Narita, einem der grössten Flughäfen in einer der grössten Städte der Welt.
Shinrai = Vertrauen
Ökonomie beginnt im Kopf
Gier, Risikoscheu, Fairness — das sind keine geheimnisvollen Ecken des menschlichen Fühlens mehr. Die Neuroökonomie bringt endlich Licht in unsere Gehirnwindungen. Wer (wie ich) diese Forschungsrichtung bis jetzt verpasst hat, hat am kommenden Freitag, 4. Juni, Gelegenheit das Versäumte nachzuholen. Prof. Ernst Fehr und sein Team eröffnen ihr Laboratory for Social and Neural Systems Research am Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Zürich. Tag der offenen Tür im Gehirn — nicht verpassen. Prospekt und Anmeldung hier.
Too Big To Fail: Bonuspool nicht vergessen!
Der Zwischenbericht der Expertenkommission des Bundesrates (22.4.10) zur Problematik des Too Big To Fail bei Banken skizziert in sehr konziser Form die vorgesehenen Massnahmen zur Eindämmung von Systemrisiken. Neben höheren Anforderungen an das Eigenkapital ist beabsichtigt, die Banken zur Schaffung von besonderem Wandlungskapital zu verpflichten (Contingent Convertible Bonds, sog. Co-co Bonds). Dieses soll im Fall einer Krise sofort in Eigenkapital umgewandelt werden, so dass neben den Aktionären auch die Obligationäre für die Verluste haften.
So dringend notwendig diese Massnahme ist, so wären noch weitere Anreize zu mobilisieren, die leider nicht im Zwischenbericht erwähnt sind: Nicht nur die (reichlich entschädigten) Obligationäre sollen zur Kasse gebeten werden. Es scheint mir sehr wichtig, dass Anreize auch bei den obersten Führungskräften der Bank geschaffen werden: Neben den Aktionären und den Obligationären müsste im Fall von Solvenzproblemen auch das Topmanagement empfindliche finanzielle Einbussen erleiden. Der Bonuspool des Topmanagements müsste auch für den Ausgleich von Verlusten herhalten. Dafür plädieren die Autoren Silvio Borner und Frank Bodmer in ihrem sehr lesenswerten Buch Crash, Ruegger Verlag, Zürich, 2010. Sie befürworten auch eine Ausserkraft-Setzung vertraglicher Bonusbestimmungen bei Solvenzproblemen. Bei diesen Massnahmen geht es einzig und allein darum, an den wichtigen Schaltstellen die richtigen Anreize zu schaffen. Nur dann wird es gelingen, die volkswirtschaftlichen Kosten eines Bailout zu verhindern und die Externalitäten bei den Verursachern der Risiken zu internalisieren.
Der endgültige Tod der No-Bail-Out Klausel
Das riesige Hilfspaket für den Euro hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Für die einen ist das Paket selber eine Gefahr für die Stabilität Europas (Moral-Hazard guys wie mein St. Galler Kollege Simon Evenett kürzlich meinte). Siehe dazu den Batz Eintrag von Urs Birchler oder das Tagi Interview mit Peter Kugler. Für andere ist es nur eine notwendiges Übel, um eine an sich sinnvolle Institution vor Spekulanten zu bewahren.
Die unterschiedlichen Einschätzungen zeugen auch davon, wie wenig wir eigentlich wissen. Wissen können. Es gibt kein zweites Europa, wo die Situation ohne Euro hätte ausprobiert werden können. Oder ein drittes Europa mit Euro, welches Griechenland direkt in den Staatbankrott hätte laufen lassen – als Kontrollexperiment sozusagen. Ob es den Ländern (inklusive der Schweiz) ohne Euro heute besser oder schlechter ginge, wissen wir somit nicht. Welche der Standpunkte in der aktuellen Krise letztlich besser ist auch nicht. Eines scheint mir hingegen klar. Die No-Bail-Out Klausel ist tot. Sie war es wohl schon immer. Verträge, die darauf basieren, dass per Gesetz oder Ankündigung nicht geholfen werden darf, funktionieren nie, weder für Staaten noch für Finanzinstitutionen. Auch wenn dies Befürworter von No-Bail-Out Klauseln in der Diskussion um das Too Big To Fail nicht wahrhaben wollen.
Macht fernsehen vergesslich?
Gestern abend im Hotel wieder einmal ferngesehen. Als Werbung für eine Sendung von nächster Woche wurde eine interessante Studie erwähnt. Auf der Basis von 200 (!) Versuchspersonen sei festgestellt worden, dass ein Fernsehkonsum von mehr als 30 Minuten im Tag zu einer Reduktion der Gedächtnisleistung führen würde. Wirklich? Könnte es nicht genau umgekehrt sein? Personen mit einer eingeschränkten Gedächtnisleistung haben eine höhere Präferenz für das Medium Fernsehen als andere. Das mag wie eine Spitzfindigkeit klingen. Für allfällig zu treffende Massnahmen ist die Richtung der Ursachen-Wirkungskette aber entscheidend. Im ersten Fall – hoher Fernsehkonsum führt zu eingeschränkter Gedächtnisleistung – wären Anreize zur Reduktion des Fernsehkonsums angezeigt. Im zweiten Fall – wer Mühe hat mit dem Gedächtnis schaut eher fern – würde man mit den gleichen Massnahmen ohnehin schon benachteiligte Personen bestrafen.
Mehr wundern würde mich ohnehin die Unterschiede in der Wirkung aufs Gedächtnis zwischen Fernseh- und Internetkonsum. Die Verschiebung vom Fernseher zum Internet hat ja die Sicht auf die Welt stark verändert. Unsere ehemalige Putzfrau, Signora S., eine ältere Süditalienerin, traute ihren Augen nicht, dass man den Papst per Mausklick nicht nur auf den Bildschirm, sondern sogar zum Sprechen bringen konnte. Und unsere Kinder können es nicht fassen, dass dasselbe auf dem Fernseher nicht funktioniert (Pabst durch Michael Jackson ersetzen).
Was wollte ich eben sagen? Ah, weiterer Beitrag zur Eurokrise folgt in Kürze.
Im Schuldennetz
Inke Nyborg hat eine schöne Grafik aus der NewYork Times gebracht, die grad heute wieder aktuell ist: Das europäische Netz der Staatsschulden. Es zeigt, wer gerne wen retten (lassen) möchte. Wir brauchen nur noch jemanden, der die Zahlen laufend aktualisiert …
Unter Freunden
Warum soll sich ein Amerikaner für die Finanzkrise in Griechenland interessieren? Im Aufsatz Athen an der Wall Street habe ich behauptet, die USA befänden sich derzeit auf dem Wege in ihre eigene griechische Tragödie! Dazu noch vier Ergänzungen:
1) Wenn überall in Euroland überall gespart werden soll, dann besteht eher die Gefahr einer Deflation (Japanese Disease) als die einer Inflation (Deutscher Alptraum).
2) China ist nicht bereit, die Rolle des „Market for Distressed Goods“ zu übernehmen, welche notwendig ist, in Krisenzeiten eine Deflation zu vermeiden (Kindleberger, 1973).
3) Deutschland verbucht Jahr für Jahr Haushaltsüberschüsse. Diese sind genau so unhaltbar wie dauerhafte Defizite. Aber das Problem hier ist komplexer als es die Franzosen darstellen (in etwa: Germany buy more!). Das Problem ist nicht nur, dass Deutschland mehr konsumieren soll. Vielmehr kommt es mir vor, als hätte Lenin in gewisser Hinsicht recht da Deutschland exportiert das aus den Überschüssen akkumulierte Kapital in Form von Direct Investment im Ausland (Sinn, Munich Economic Summit), weil man denkt, dass die Renditen dort höher sind (o.k., Lenin meinte man würde in die Kolonien investieren aber die Logik stimmt). Dadurch entsteht zu wenig Inlandsinvestition. Auch mehr Arbeitslosigkeit als notwendig. Natürlich müssen die Löhne noch weiter runter kommen, aber zumindest ein Teil der Überschüsse sollte in Deutschland reinvestiert werden — also, anstelle den Kauf von Made in Germany Maschinen in Indien etc. zu subventionieren, (ver)kaufe sie in Deutschland und lasse sie von deutschen Arbeitern betätigen. Dann haben wir mehr Beschäftigung und das Problem der mangelnden Nachfrage bzw. des mangelnden Konsums löst sich zum Teil von selbst.
4) Da aber 3 und 4 nicht zustande kommen und die Amerikaner dringend Geld brauchen, befürchte ich, dass die USA wieder in die Rolle der Lokomotive durch mehr Konsum hineinrutschen werden. Zunächst werden alle damit glücklich, aber dies verstärkt auf Dauer die strukturellen Inkohärenzen, die aus die amerikanischen Haushalts- und Handelsdefizite erzeugt werden.
Gratulation, Monika!
Die Generalversammlung der Schweizerischen Nationalbank hat unsere Mit-Batzerin Monika Bütler zum Mitglied des Bankrats gewählt. Auf die Geldpolitik wird die Wahl zwar keinen Einfluss haben; hier hat der Bankrat nichts zu sagen. Er ist jedoch für die organisatorische Oberaufsicht über die Nationalbank zuständig. Es lohnt sich, die Liste der Aufgaben in Artikel 42 des NBG wieder einmal zu lesen. Immerhin überwacht der Bankrat das Risikomanagement. Und Absatz 3 („Der Bankrat entscheidet in allen Angelegenheiten, die nach Gesetz oder Organisationsreglement nicht einem anderen Organ zugewiesen werden“) gäbe wohl noch Stoff für die eine oder andere juristische Dissertation.
Ihre Feuertaufe hat Monika mit einem nicht ganz freiwilligen Spontaneinsatz auf dem Rednerpult der GV mit Bravour bestanden. Weiterhin viel Erfolg, Monika!
Saitensprung
Am Zürcher Flughafen hat sich eine Schlange gebildet. Die CEO’s und Verwaltungsratsmitglieder mehrerer Finanzinstitute und einiger Industrieunternehmen drängeln zum Zollschalter. Jeder will den Zuschlag als Erlöser der beschlagnahmten Geige. Die Kaution von Fr. 400’000.– ist ein Trinkgeld für Bezüger von Milliarden-Boni. „Endlich“, gesteht einer der Wartenden, „könnte ich wieder einmal sinnvoll Geld ausgeben — und erst noch Vielen eine Freude machen“.
Tatsächlich: Immer mehr verdienen (als die andern) mag zwar Spass machen. Immer mehr ausgeben hingegen ist ein Sau-Krampf. In mehr als einem Fünfstern-Hotel pro Nacht schläft kaum jemand. Die 100 reichsten Schweizer sind schlicht unfähig, auch nur einen Bruchteil ihres Einkommens, geschweige denn ihr Vermögen zu konsumieren. Viele Ausgaben (z.B. Kauf eines Ferienhauses) sind nämlich Investitionen, das heisst blosse Umschichtungen des Vermögens.
Die Schlange am Zoll gibt es, erstaunlicherweise, trotzdem nicht. Keiner unserer Spitzenverdiener war auf dem Sprung und schoss die Kaution vor.
