Island in den Voralpen

Dass die faktische Staatshaftung für Grossbanken ein finanzielles Grossrisiko für den Bund ist, hat sich herumgesprochen. Doch auch die Kantone garantieren für ihre Banken. Wie gross sind diese Risiken? Mit anderen Worten: Welche Kantone haben die grössten Kantonalbanken im Verhältnis zu ihren Steuereinnahmen?

Wir haben die Zahlen angesehen, und siehe da: Nicht Zürich (das in absoluten Zahlen die grösste Kantonalbank hat), nicht Bern (das 1993 dennoch teuer für die Rettung seiner Kantonalbank bezahlt hat), und auch nicht Genf, das relativ sogar die kleinste (allerdings trotz beschränkter Staatsgarantie im Jahr 2000 mit Steuergeldern sanierte) Kantonalbank hat?

Wer dann? Im Spitzentrio finden wir Appenzell Innerrhoden, Glarus und Obwalden, gefolgt von Schwyz. Deren Kantonalbanken sind im Verhältnis zu den Steuereinnahmen fast so gross wie die beiden Grossbanken für den Bund. Mit der Rettung ihrer Kantonalbank würden diese Kantone zur Steuerwüste (kein Risiko für die Steuerzahler, ein paar Kilometer weiter winkt der Nachbarkanton, aber wehe den Immobilienbesitzern!).

Unter den exponiertesten Kantonen finden sich einige, die bisher ihr Glück als Steuerparadies suchten. Ob ihnen würden die Steuerzahler im Rest der Schweiz gerne helfen würden?

P.S. Der neue Chef des Kantonalbankenverbandes, Peter Siegenthaler, bisher Direktor der Eidg. Finanzverwaltung ist (noch) Vorsitzender der Expertengruppe des Bundes zur faktischen Staatshaftung für Grossbanken. Er trifft also auf ein ihm bestens bekanntes Problem — zwar kleiner, aber nicht unbedingt feiner.

SVP für Road Pricing

Die gute Nachricht: Die Schweiz ist unterwegs Richtung Marktwirtschaft! Die schlechte Nachricht: Der Markt soll vorerst nur auf Überholspuren gelten. Worum geht es? Gemäss heutiger Ausgabe des Tages-Anzeiger schlägt die SVP eine Luxusspur auf Autobahnen vor. Auf dieser sollen nur Fahrzeuge mit einer besonderen Vignette verkehren dürfen. Dieser Vorschlag wird wohl politisch bald wieder auf die helvetische Kriechspur eingewiesen. Eigentlich schade. Er bedeutet nämlich eine (erlaubte) Kehrtwendung: Bisher hat sich die SVP gegen die Idee „Freie Fahrt für zahlende Bürger“ vehement gewehrt, dann nämlich, wenn es um Fahrten durch Städte ging. Road Pricing, wie es in London und anderen Städten seit Jahren mit Erfolg eingesetzt wird, widersprach der Freiheit, im Frühstau zu stehen. Jetzt hat auch die SVP gemerkt, dass Strassenbenützung ein ökonomisches Gut ist, dessen Zuteilung über Wartezeit nicht unbedingt optimal geregelt ist.

1 – 0 für die Schweiz

Mit einem verständlicherweise bitteren Unterton berichtet die spanische Presse, dass der Torschütze des Schweizer Treffers auf den Kapverden geboren sei. Und überhaupt, die Schweiz habe den Erfolg ohnehin nur den adoptierten Ausländern zur verdanken. Doch wer glaubt, der Erfolg der jungen Immigranten beschränke sich auf den Sport liegt ziemlich daneben.

Laut OECD-Statistiken erreichen die Secondos bei den 20-29-Jährigen einen etwa gleich hohen Beschäftigungsgrad wie ihre Schweizer Kollegen. Berücksichtigt man Unterschiede in der Ausbildung, so arbeiten junge Frauen aus der zweiten Einwanderer-Generation sogar mehr als Schweizerinnen.

 Interessant an der OECD-Studie sind vor allem die grossen Unterschiede zwischen den Ländern. Nur noch Kanada schneidet in der Integration von Immigranten in den Arbeitsmarkt besser ab als die Schweiz. In Kanada arbeiten die Ausländerinnen der zweiten Generation in der Altersgruppe der 20-29 jährigen sage und schreibe 10% mehr als die Einheimischen. Der Erfolg der Schweiz auch in der Integration ist mindestens so erstaunlich wie der im Fussball: Kanada und die USA  lesen ihre Einwanderer viel strenger aus als die Schweiz. In Deutschland und Frankreich arbeiten Secondos 15-20% weniger als die Einheimischen. Das gleiche Bild in den Skandinavischen Staaten, die so oft als Musterländer hinhalten müssen. Die Unterschiede in der Ausbildung zwischen Einheimischen und Secondos erklärt nicht einmal die Hälfte der Differenz.

 Weiter so – in Sport und Integration – Hopp Schwiiz!

Zufuge auf Zebrastreifen von Motorradfahrendem angefahren

Die neue Sprachregelung der Stadt Bern hat zwar nur indirekt mit Wirtschaftspolitik zu tun (immerhin scheint es mir doch eine ziemlich unproduktive Verschwendung von Steuergeldern), ich kann mir den Kommentar dennoch nicht verkneifen. Unter dem Titel der Gleichstellung plagen wir Sprache und  Ausdrucksfähigkeit. An der Hochschule gibt es keine Studenten und Studentinnen mehr sondern Studierende, die Professorin wird zur Lehrenden (oder später zu Hause zur Erziehungsberechtigten), der Übungsleiter zum Übungsleitenden. Konsequenterweise  müssten auch die Fussgänger zu Zufussgehenden umbenannt werden. Und da das ganze dann doch etwas kompliziert wird, können wir sie dann immer noch Zufuges nennen (wie Azubis = Auszubildende). Wenigstens ist das Zebra sprachlich ein Neutrum.

Shinrai

Als Ergänzung zu Christian Thöni’s wissenschaftlicher Forschung zur Rolle des Vertrauens bei ökonomischen Transaktionen sozusagen:

Ein ziemlich unerwartetes Ausmass an Vertrauen bringt uns ein japanisches Taxiunternehmen entgegen. Für den gemieteten Minibus mit Fahrer, den wir wohl fast den ganzen Tag beanspruchen werden, mussten wir weder eine Anzahlung leisten noch eine Kreditkartennummer bekanntgeben. Von mir kennt die Firma lediglich die email Adresse und die Flugnummer. Und dies in Narita, einem der grössten Flughäfen in einer der grössten Städte der Welt.

 Shinrai = Vertrauen

Ökonomie beginnt im Kopf

Gier, Risikoscheu, Fairness — das sind keine geheimnisvollen Ecken des menschlichen Fühlens mehr. Die Neuroökonomie bringt endlich Licht in unsere Gehirnwindungen. Wer (wie ich) diese Forschungsrichtung bis jetzt verpasst hat, hat am kommenden Freitag, 4. Juni, Gelegenheit das Versäumte nachzuholen. Prof. Ernst Fehr und sein Team eröffnen ihr Laboratory for Social and Neural Systems Research am Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Zürich. Tag der offenen Tür im Gehirn — nicht verpassen. Prospekt und Anmeldung hier.

Too Big To Fail: Bonuspool nicht vergessen!

Der Zwischenbericht der Expertenkommission des Bundesrates (22.4.10) zur Problematik des Too Big To Fail bei Banken skizziert in sehr konziser Form die vorgesehenen Massnahmen zur Eindämmung von Systemrisiken. Neben höheren Anforderungen an das Eigenkapital ist beabsichtigt, die Banken zur Schaffung von besonderem Wandlungskapital zu verpflichten (Contingent Convertible Bonds, sog. Co-co Bonds). Dieses soll im Fall einer Krise sofort in Eigenkapital umgewandelt werden, so dass neben den Aktionären auch die Obligationäre für die Verluste haften.

So dringend notwendig diese Massnahme ist, so wären noch weitere Anreize zu mobilisieren, die leider nicht im Zwischenbericht erwähnt sind: Nicht nur die (reichlich entschädigten) Obligationäre sollen zur Kasse gebeten werden. Es scheint mir sehr wichtig, dass Anreize auch bei den obersten Führungskräften der Bank geschaffen werden: Neben den Aktionären und den Obligationären müsste im Fall von Solvenzproblemen auch das Topmanagement empfindliche finanzielle Einbussen erleiden. Der Bonuspool des Topmanagements müsste auch für den Ausgleich von Verlusten herhalten. Dafür plädieren die Autoren Silvio Borner und Frank Bodmer in ihrem sehr lesenswerten Buch Crash, Ruegger Verlag, Zürich, 2010. Sie befürworten auch eine Ausserkraft-Setzung vertraglicher Bonusbestimmungen bei Solvenzproblemen. Bei diesen Massnahmen geht es einzig und allein darum, an den wichtigen Schaltstellen die richtigen Anreize zu schaffen. Nur dann wird es gelingen, die volkswirtschaftlichen Kosten eines Bailout zu verhindern und die Externalitäten bei den Verursachern der Risiken zu internalisieren.

Der endgültige Tod der No-Bail-Out Klausel

Das riesige Hilfspaket für den Euro hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Für die einen ist das Paket selber eine Gefahr für die Stabilität Europas (Moral-Hazard guys wie mein St. Galler Kollege Simon Evenett kürzlich meinte). Siehe dazu den Batz Eintrag von Urs Birchler oder das Tagi Interview mit Peter Kugler. Für andere ist es nur eine notwendiges Übel, um eine an sich sinnvolle Institution vor Spekulanten zu bewahren.

Die unterschiedlichen Einschätzungen zeugen auch davon, wie wenig wir eigentlich wissen. Wissen können. Es gibt kein zweites Europa, wo die Situation ohne Euro hätte ausprobiert werden können. Oder ein drittes Europa mit Euro, welches Griechenland direkt in den Staatbankrott hätte laufen lassen – als Kontrollexperiment sozusagen. Ob es den Ländern (inklusive der Schweiz) ohne Euro heute besser oder schlechter ginge, wissen wir somit nicht. Welche der Standpunkte in der aktuellen Krise letztlich besser ist auch nicht. Eines scheint mir hingegen klar. Die No-Bail-Out Klausel ist tot. Sie war es wohl schon immer. Verträge, die darauf basieren, dass per Gesetz oder Ankündigung nicht geholfen werden darf, funktionieren nie, weder für Staaten noch für Finanzinstitutionen. Auch wenn dies Befürworter von No-Bail-Out Klauseln in der Diskussion um das Too Big To Fail nicht wahrhaben wollen.

Macht fernsehen vergesslich?

Gestern abend im Hotel wieder einmal ferngesehen. Als Werbung für eine Sendung von nächster Woche wurde eine interessante Studie erwähnt. Auf der Basis von 200 (!) Versuchspersonen sei festgestellt worden, dass ein Fernsehkonsum von mehr als 30 Minuten im Tag zu einer Reduktion der Gedächtnisleistung führen würde. Wirklich? Könnte es nicht genau umgekehrt sein? Personen mit einer eingeschränkten Gedächtnisleistung haben eine höhere Präferenz für das Medium Fernsehen als andere. Das mag wie eine Spitzfindigkeit klingen. Für allfällig zu treffende Massnahmen ist die Richtung der Ursachen-Wirkungskette aber entscheidend. Im ersten Fall – hoher Fernsehkonsum führt zu eingeschränkter Gedächtnisleistung – wären Anreize zur Reduktion des Fernsehkonsums angezeigt. Im zweiten Fall – wer Mühe hat mit dem Gedächtnis schaut eher fern – würde man mit den gleichen Massnahmen ohnehin schon benachteiligte Personen bestrafen.

Mehr wundern würde mich ohnehin die Unterschiede in der Wirkung aufs Gedächtnis zwischen Fernseh- und Internetkonsum. Die Verschiebung vom Fernseher zum Internet hat ja die Sicht auf die Welt stark verändert. Unsere ehemalige Putzfrau, Signora S., eine ältere Süditalienerin, traute ihren Augen nicht, dass man den Papst per Mausklick nicht nur auf den Bildschirm, sondern sogar zum Sprechen bringen konnte. Und unsere Kinder können es nicht fassen, dass dasselbe auf dem Fernseher nicht funktioniert (Pabst durch Michael Jackson ersetzen).

Was wollte ich eben sagen? Ah, weiterer Beitrag zur Eurokrise folgt in Kürze.