UBS und Abzockerinitiative

Urs Birchler

Wie der Tagesanzeiger meldet, geht die UBS voran: Sie schafft — wie von der Abzockerinitiative verlangt — das Organ- und das Depotstimmrecht ab. Offenbar versteht sich die Bank unter dem neuen VR-Präsident der Bank, Axel Weber, wieder vermehrt als Teil der Gesellschaft.

Allerdings: Ohne Organ. und Depotstimmrecht gäbe es die UBS in ihrer heutigen Form gar nicht. In den 1990er Jahren war die UBS, damals noch als SBG, Ziel eines erbitterten Übernahmeversuchs seitens von Martin Ebner und seiner BZ-Gruppe. Die Entscheidungsschlacht — formell eine Abstimmung über die Wiedereinführung der Einheitsaktie — stand auf der Kippe: Schliesslich „gewann“ der UBS-Verwaltungsrat hauchdünn (er übertraf die notwendige Zweidrittelsmehrheit von 21,1 Millionen Stimmen dank aggressiver „Stimmenbewirtschaftung“ hauchdünn um 65 000 Stimmen). Der Streit wurde in der Folge beigelegt (post mortem aus der NZZ), und die UBS fusionierte mit dem Schweizerischen Bankverein.

Gerhard Schwarz beschreibt einem höchst lesenswerten Rückblick im NZZ Folio, wie die Schweiz heute aussähe, wenn damals die Ebner-Gruppe obsiegt hätte: Die Schweiz hätte vermutlich noch drei Grossbanken. Die SBG/UBS hätte sich auf die Vermögensverwaltung spezialisiert und den Eigenhandel zurückgebunden. Sie hätte kaum die Verluste aus dem „Subprime“-Geschäft erlitten (der Artikel von Schwarz erschien im August 2008, d.h. zwei Monate vor der Rettung der UBS durch Bund und Nationalbank, konnte diese Verluste also noch nicht voll abschätzen). Ferner wäre die Swissair vermutlich nicht untergegangen.

Natürlich hätte die Geschichte auch ganz anders kommen können, als von Schwarz beschrieben. Was die Ebner-Gruppe aus der SBG gemacht hätte, wissen wir nicht. Doch dem Organ- und Depotstimmrecht weine ich keine Tränen nach. Dem Fazit, „die Ebnersche Kritik hat zugleich auf Schwachstellen bestehender Gesetze aufmerksam gemacht“, stimme ich gerne zu. Fast käme man ins Träumen: Wie wäre die Abzockerinitiative herausgekommen, wenn sie Gerhard Schwarz verfasst hätte?

Les commissions indépendantes de gestion et des finances: un instrument efficace pour des finances publiques durables

Mark Schelker

Publiziert im „Agefi“ vom 26. Februar unter dem Titel “L’indépendance du contrôleur.”

Les finances de nombreux États sont arrivées aux limites de leurs possibilités. En particulier, la situation fiscale dans plusieurs pays européens est dramatique. L’endettement de pays traditionnellement solides, comme la France, est considérable et toujours croissant. Les interventions monétaires de la Banque Centrale Européenne ont soulagé la situation à court terme, mais les problèmes de base ne sont toujours pas abordés de façon durable. Redressement et réformes constituent des sujets de discussion omniprésents. Mais si les budgets publics sont souvent si fortement déséquilibrés – quelle en est la cause?
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Kinderbetreuung in der Schweiz

Christina Felfe

Im Lichte der bevorstehenden Volksabstimmung zum Familienartikel am Sonntag, den 3.März 2013 und den dazu herrschenden kontroversen Diskussionen erscheint es sinnvoll und, die aktuelle Situation der Kinderbetreuung in der Schweiz zu beleuchten.

Wer ist zuständig für die Reglementierung, Bewilligung, Aufsicht und Finanzierung der familienergänzenden Kinderbetreuung? Wie ist die aktuelle Versorgung mit Betreuungsplätzen? Wie hoch sind die Kosten? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich meine Öffentliche Vorlesung am 28.Februar 2013, an der Hochschule St. Gallen (HSG).

Sucht man in der Familiendatenbank der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) nach internationalen Daten zum Versorgungsgrad von Kleinkindern (Alter 0-2 Jahre), erhält man für die Schweiz keine Informationen. Während der durchschnittliche Versorgungsgrad  in den OECD Ländern bei ca. 30% lag, gibt es für die Schweiz bislang keine Daten zum Angebot familienergänzender Betreuung. Einen ersten Schritt um diese prekäre Datenlage zu beheben wurde im Rahmen des Nationalfond Projektes zum Thema „Gleichstellung der Geschechter“ (NFP60) von INFRAS (Rolf Iten und Susanne Stern) und SEW/HSG (Christina Felfe, Michael Lechner und Petra Thiemann) getan. Mittels einer kantonalen Befragung wurden Daten zum Angebot von frühkindlicher Betreuung und schulergänzender Betreuung auf Gemeindeebene für das Jahr 2010/2011 erhoben. Diese Erhebung erlaubt erstmals den Ist-Zustand der Kinderbetreuung in der Schweiz darzustellen. Weiterlesen

QWERTY

Urs Birchler

Die QWERTY-Anordnung (im deutschen Sprachraum: QWERTZ, im französischen: AZERTY) der Buchstaben auf der Schreibmaschinentastatur ist bekannterweise unpraktisch, aber kaum mehr zu ändern. Spieltheoretiker sprechen von einem suboptimalen Gleichgewicht, das aber wegen der Netzwerkeffekte des offenen Standards sehr stabil ist.

In ihrem Buch Game Theory erzählen Hargreaves und Varoufakis, wie es zur QWERTY-Anordnung kam (siehe auch Wikipedia): Remington lancierte eine Schreibmaschine mit dem plausiblen Namen Typewriter. Damit ihre Verkäufer beim Vorführen rasch tippen konnten, wurden die Buchstaben in „Typewriter“ in die oberste Reihe gesetzt. Und da stehen sie noch heute. „Typewriter“ soll das längste englische Wort sein, das sich mit einer einzigen Reihe der Tastatur tippen lässt. In der mittleren Reihe sieht man übrigens noch Spuren der ursprünglichen alphabetischen Anordnung (dfghjkl).

Se non è vero, oder: zum Glück hat Remington nicht das Klavier erfunden …

Energiewende machbar

Urs Birchler

Also doch: Die Energiewende schlägt die Schweizer Wirtschaft nicht zusammen, wie von economiesuisse behauptet. Klarstellung von fünf Professoren in ETH Campus (bereits auf Twitter, z.B. hier).

Die Forscher verweisen auch auf die im vergangenen November publizierte Studie zur Energiezukunft der Schweiz. In dieser Studie kommt im übrigen auch das Wort „Preis“ vor. Im kurz zuvor publizierten Hintergrundpapier war dies noch nicht der Fall, was batz.ch arg auf die Palme brachte.

LEGOnomics

Urs Birchler und Inke Nyborg

Wer Kinder hat, weiss: Lego-Bausteine sind teuer. Aber sind sie eigentlich teurer oder billiger als damals? Oder ersteht der Eindruck bloss, weil die meisten Lego-Sets so komplex geworden sind? Die Antwort liegt jetzt, wissenschaftlich abgesichert, vor: Real gesehen sind die Klötzchen billiger als 1960 und viel billiger als auf dem Höhepunkt von 1985 (siehe Abbildung). Diese und andere interessante Berechnungen hat der Blog Reality Prose veröffentlicht.

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Wir haben Lego schon unser Silvesterquiz gewidmet. Den Mut, die Euro-Krise in Lego darzustellen, hatten wir allerdings nicht — im Gegensatz zu JP Morgan.

[Nachtrag: Lego und Network Complexity]

Twittern für Unterricht und Forschung

Urs Birchler

„Nein, das lerne ich jetzt nicht auch noch!“, sagte Fräulein G., als kurz vor ihrer Pensionierung die ersten Bürocomputer kamen. Bald wurde das „Fräulein“ als Anrede abgeschafft und der Computer eine Selbstverständlichkeit.

„Nein, das brauche ich sicher nicht!“ sagte ich, als ich das Wort Twitter zum ersten Mal hörte. In der Zwischenzeit kann ich auf Twitter schon den Stemmbogen. Einen simplen Führer über rote und schwarze Pisten hat die London School of Economics publiziert (PDF), und zwar besonders für den Einsatz von Twitter in Unterricht und Forschung. Den gibt’s zwar schon seit 2011; aber ich habe erst jetzt davon erfahren. Wie? Wie denn sonst: über Twitter halt, in einem Beitrag von SUERF:

Der afrikanische Euro

Urs Birchler

Schlagzeilen aus Afrika betrafen jüngst vor allem die französische Intervention in Mali. Etwas untergegangen sind dabei Berichte wie dieser über neuen Schub in der afrikanischen Währungsunion. Schon im Juni 1991 (d.h. acht Monate vor dem Vertrag von Maastricht) unterzeichneten 52 afrikanische Staaten den Vertrag von Abuja über die Einführung des Afro. Unter Führung der Afrikanischen Entwicklungsbank wollen die 19 Staaten der Comesa zusammen mit einigen weiteren Ländergruppen nun vorwärts machen. Die Afrikanische Entwicklungsbank hat in einem Bericht ihre Vorschläge, v.a. auch Kriterien der fiskalischen Konvergenz präsentiert. Vielleicht macht’s Afrika besser.

Eigenmittel sind wie Wasser: teuer in der Wüste

Urs Birchler

In einem Beitrag auf voxeu.org diskutiert David Miles, Mitglied des Monetary Policy Committee der Bank of England die Frage, ob Eigenmittel wirklich so teuer sind, wie die Banken immer wieder (bzw. immer noch) behaupten. Miles kommt zum Schluss, dass Eigenmittel im Grunde nur für jene Banken teuer sind, die viel zu wenig Eigenmittel davon (oder gar einen „debt overhang“) haben. Das sind genau die Banken, die aus Stabilitätsgründen unbedingt ihre Eigenmittel erhöhen sollten. Mit der Aussage: „Strengere Eigenmittelanforderungen sind für uns teuer“, sollten Bankiers daher vorsichtig sein.

Reich sein in der Schweiz….

  … ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Reto Föllmi und Isabel Martínez

Minders Abzocker-Initiative, die 1:12 Initiative der Juso sowie die anhaltenden Diskussionen um die Besteuerung gut betuchter Ausländer und kantonale Abstimmungen zur Pauschalbesteuerung zeigen deutlich: Die Frage, wie viel Reichtum den Reichen vergönnt sei, hat Hochkonjunktur im politischen Geschehen unseres Landes.

Wie hat sich der Anteil der reichsten Einkommen aber eigentlich entwickelt? In einer aktuellen Auswertung von Steuer- und AHV-Daten untersuchen wir deren Entwicklung insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten und schliessen dazu die bisherige 8 jährige Lücke in den nationalen Steuerdaten, die gerade in die Zeit der „interessanten“ Jahren mit dem Einsetzen der verstärkten Zuwanderung fiel. Die Lücke entstand u.a. durch die kantonal versetzte Umstellung von Vergangenheits- auf Gegenwartsbemessung.

Im Vergleich zu den USA, wo die Reichen seit den 1980er Jahren immer reicher werden und das oberste Prozent der Steuerzahler 2008 18% der Einkommen erwirtschaftete – siehe dazu auch den batz-Beitrag von Marius Brülhart – sehen die Verhältnisse in der  Schweiz bescheidener aus, auch wenn gerade die Schweiz von starken Veränderungen wie der verstärkte Zuwanderung gekennzeichnet war. 11% aller Einkommen entfielen hier auf die reichsten 1% (siehe Grafik 1 unten). Allerdings zeigt der Trend für alle untersuchten Gruppen der Top 10% bis Top 0.01% im betrachteten Zeitraum von 1981 bis 2008 stetig nach oben.

Grafik1

Der Anstieg der Topeinkommen wird aber mit erhöhter Volatilität über die Konjunktur erkauft: Besonders die Top 0.1% und 0.01% (das sind in etwa die einkommensstärksten 450 Steuersubjekte) erlitten in der Rezession 2001 einen Rückgang, den sie nicht so schnell wieder aufholen konnten. Darin spiegelt sich sicher die zunehmende Verbreitung variabler Lohnbestandteile wider, bei welchen die Topverdiener mit Aktienoptionen häufig auch einen Teil des Unternehmensrisikos tragen. Dennoch fielen die Einkommensanteile nicht auf das Niveau der vorhergehenden Rezession zurück.

 Wenn wir diese Zahlen mit der Verteilung der AHV-Löhne vergleichen, scheint der Anstieg der obersten Einkommen vor allem auf einem überproportionalen Anstieg der Arbeitseinkommen zu basieren. Wie Grafik 2 zeigt, sind besonders die Einkommen der bestverdienenden Angestellten nach oben geschnellt, während der Anstieg für die erfolgreichsten Selbständigen viel geringer ausfiel.

Grafik2

Plakativ gesprochen tragen heute nicht mehr Risikokapital und Unternehmertum sondern Top-Angestelltenverhältnisse neu die meisten Früchte. Die verstärkte Globalisierung und damit die stärkere Wertschöpfung in Grossfirmen spielen sicher eine wichtige Rolle. Wenn – aber nur wenn – die hohen Saläre auf Leistung beruhen, muss diese Entwicklung nicht zwingend eine Schwächung der Innovationskraft einer Volkswirtschaft bedeuten. Die weitere globale Entwicklung bleibt sicher spannend.