Schuldenbremse — Schweiz besser als EU-Länder

Urs Birchler

Um die Schuldenbremse kümmert sich bei batz.ch normalerweise Marius Brülhart. Er hat kürzlich hier argumentiert, dass die Schweizer Schuldenbremse sogar einen leichten Zug rückwärts, in Richtung Schulden-Abbau, beinhalte.

Genau umgekehrt ist es in der EU, wie die Vitor Gaspar (Chef Fiscal Affairs beim IMF und früherer Finanzminister Portugals) and David Amaglobeli (ebenfalls IMF, früherer Gouverneur der Zentralbank von Georgien) in einer soeben erschienenen SUERF Policy Note zeigen. Die verschiedenen Ausgaben- oder Schuldenregeln in den einzelnen Ländern sind zwar nicht ganz wirkungslos, haben aber immer noch einen Zug in Richtung höherer Verschuldung. Hauptgrund: Die EU-Länder haben kaum Sanktionen zu befürchten. Wer soll schon den ersten Stein werfen: Es gab in den Jahren 1999-2016 nicht weniger als 37 Regelverstösse. Im Schnitt waren in jedem Moment fast 50 Prozent der Mitgliedländer in der Verstoss-Zone. Bemerkenswert: Die Euro-Staaten (die mindestens seinerzeit die Maastricht-Kriterien erfüllt hatten) schnitten seit der Finanzkrise deutlich schlechter ab als die Nicht-Euro-Mitglieder.

Vernissage im Money Museum

Urs Birchler

Das Money Museum hat gestern mit einer Vernissage neu eröffnet, unter anderem mit einer Ausstellung zum Thema „Der gerechte Preis“, das seit dem Mittelalter nichts an Aktualität eingebüsst hat. Dann verfügt das Museum über eine sensationelle Sammlung von aktuell 2095 Münzen, aus der im übrigen unsere täglich wechselnden Batzen (oben rechts) stammen. So ganz beiläufig erhielt ich gestern plötzlich eine sumerische Tontafel in Keilschrift in die Hand gelegt.

Der Vater des Museums, Jürg Conzett, verblüfft immer wieder mit seiner Offenheit für Unkonventionelles und Neues. So zeigt er im Museum auch seine Bitcoin-Mining-Maschine (Bild). Auf einem Zähler können die Besucher laufend verfolgen, wieviele Bitcoins der Apparat dem System schon abgemolken hat.

Auch wer endlich alles zum römischen Geldwesen genau wissen will, wird fündig (Bild).

Achtung: Das Museum ist nur Freitags offen. Und es lohnt sich, eine Führung zu vereinbaren.

Auch ein Steuer-Rekord

Urs Birchler

Das Magazin Die Zeit hat eine regelmässige Kolumne „Was mein Leben reicher macht“. Ich hätte einen Beitrag unter dem Titel „Was mich ärmer, aber mein Leben reicher macht“.

Gestern abend mit frohem Mut an der Steuererklärung 2018. Da finde ich doch einen im 2017 Jahr nicht angegebenen Posten! Sofort Selbstanzeige per e-mail an die zuständige Steuerkommissarin. Genau gesagt: um 17:22. Heute früh die (nicht automatische und sehr freundliche) Antwort. Time-stamp 06:17. Wo gibt’s denn sowas?

Wer uns (d.h. die freundliche Steuerfrau) unterbietet, möge sich melden. Gerne auch aus dem Ausland.

[Für 1. August-Reden freigegeben.]

Quant Master — ETHZ Nr. 1 in Europa

Urs Birchler

Gratulation an meinen Kollegen Walter Farkas! Sein Programm Master of Science in Quantitative Finance an der ETHZ hat es im Risk Net Ranking weltweit auf Platz 6, und damit auf Platz 1 der Programme ausserhalb der US, geschafft.

Auch wenn ich kein blinder Rating-Fan bin, freut’s mich doch. Walter hat über Jahre viel Zeit, Schweiss und Liebe in dieses Programm gesteckt.

In der Ranking-Statistik hat’s auch einige nützliche Informationen für künftige Interessent/innen. Die gute Nachricht: Alle Abgänger/innen des ETHZ Quant Masters finden einen Job, und das Lohnniveau liegt mit USD 83’000 (aktuell 1:1 zum CHF) weltweit unter den höchsten (allerdings schwingen Princeton und Berkeley mit beinahe dem Doppelten obenaus). Die schlechte Nachricht: Die Aufnahme in den QuantMaster ETHZ schaffen nur nur 17% der Bewerber/innen (gut 20 pro Jahrgang). Das ist im internationalen Vergleich streng (noch härter ist Princeton mit 5%). Aber eins ist sicher: Aufgenommen wird man in erster Linie, indem man sich bewirbt!

Ökonomen evakuieren heimlich ihre Familien!

Urs Birchler

Es gibt kein Mittel gegen Fake News? Falsch! Der Glaube, die gegenwärtige Fake News Epidemie sei unheilbar, beruht auf journalistischer Schulmedizin. Seit Paracelsus und Theophrast ist bekannt, dass Gleiches (nur) mit Gleichem geheilt wird.

Erkannt hat dies der Nachrichtendienst The Onion. Wie bei der Zwiebel lauert bei der Wahrheit unter jeder Schicht eine weitere, bis einem die Tränen kommen. So hat The Onion vorgestern enthüllt, dass US-Ökonomen angesichts der Wirtschaftsentwicklung ihre Familien heimlich in Sicherheit bringen (Nation’s Economists Quietly Evacuating Their Families).

Zwar sind die meisten Beiträge bei The Onion politischer Natur. Doch bietet das Magazin auch interessante ökonomische Beiträge, z.B. den Bericht über die von einer amerikanischen Airline eingeführte Alumni-Vereinigung für Passagiere.

Nur Fliegen ist schöner

Urs Birchler und Monika Bütler

Zugegeben, wir fliegen zuviel (dass wir weder Auto noch Hund haben, rettet das Klima auch nicht). Aber vielleicht sind wir als Klimaschweine gerade hier mal glaubwürdig:

Der Nationalrat hat gestern — zu unserem blanken Entsetzen — eine CO2-Abgabe auf Flugbenzin einmal mehr abgelehnt — mit 93 zu 87 Stimmen. (Wo waren die übrigen 20 Mitglieder? Hoffentlich nicht im Flugzeug.) Strittig war nicht die globale Erwärmung, auch nicht der menschliche Beitrag und nicht einmal der Umstand, dass Flugzeuge mit Flugbenzin fliegen.

Nein: Es wurde argumentiert, die Passagiere wanderten ins Ausland ab (obwohl alle Nachbarländer eine Abgabe auf Flugbenzin kennen, ausser Liechtenstein, das aber noch keinen Flughafen hat). Noch besser: Das Fliegen dürfe nicht zu einem Privileg für Reiche werden.

Liebe Damen und Herren Volksvertreter/innen: Fliegen ist ein Privileg der Gutverdienenden, auch wenn Familie Schmalhans auch irgendwann einmal auf die Kanaren fliegt. Wenn wegen einer CO2-Abgabe einmal ein Weihnachtsshopping in London oder ein Polterabend in Barcelona ausfiele, würde nicht einmal Caritas von einem Armutsproblem sprechen.

Schonung der Gutverdienenden bei gleichzeitiger Schröpfung derjenigen, die gegen Ende des Monats mit Sorge ins Portemonnaie schauen müssen: Das ist es doch, was den demokratischen Konsens zersetzt. In diesem Sinne hatte NR Christian Imark (SVP/SO) sogar recht als er — leider als Argument gegen einen höheren Benzinzuschlag für Autos — sagte: „Denken Sie an die Gelbwesten in Frankreich!“ Klar versteht der Auto-Pendler in Knonau nicht, warum er bezahlen muss, während die Business-Class ohne Klimabeitrag nach London City jettet.

Aber nicht genug: Ganz quer in der Landschaft steht die zum Teil bereits erfolgte und für die kommenden Jahre geplante Senkung der Flughafengebühren. Auch wenn eine solche Senkung aus anderen Gründen erfolgt, wirkt sie dennoch als sozusagen negative CO2-Abgabe, d.h. als Anreiz zum Fliegen.

Vielleicht könnte man einmal Flugpassagiere/innen fragen, was sie von einer Klimaabgabe halten. Aus dem Flugzeug sieht man nämlich auch gut auf den Planeten runter, auf all das, was wir zu verlieren haben. Oder würden die Ratsmitglieder aus den Antwortformularen einfach wieder Papierflieger falten?

Ohio: mit Bitcoin Steuern zahlen

Urs Birchler

Wie das Wall Street Journal berichtet, hat Ohio als erster Bundesstaat der USA Bitcoin als Zahlungsmittel für Steuern, Verkehrsbussen, etc. zugelassen. Ohio tritt damit in die Fusstapfen der Stadt Zug, die 2016 als erste Bitcoin für gewisse Zahlungen gelten liess.

In Zug ist mittlerweile eine gewisse Ernüchterung eingetreten (wie die NZZ schon im Februar berichtete). Das einst als gelobtes Land wahrgenommene Krypto-Valley wird mehr und mehr zum Klepto-Valley. (Kritische Beiträge zu Bitcoin bei batz.ch: Die sieben Geburtsfehler, Keine Zukunft, Kartoffelgeld, Sparsocken.) Dass Bitcoin gegenwärtig dreimal soviel Strom frisst, wie alle Schweizer AKWs zusammen produzieren — Tendenz steigend — scheint man in Columbus noch nicht vernommen zu haben.

Ohio ist also nicht der Pionier unter den amerikanischen Gliedstaaten, sondern eher der Nachzügler, der noch nicht gemerkt hat, dass die Party zu Ende ist.

Kryptowährungen: die sieben Geburtsfehler

Urs Birchler

Warum ist Bitcoin (fast schon) gescheitert?

Eine überzeugende und allgemein verständliche Darstellung der unlösbaren Probleme der Kryptowährungen wie Bitcoin hat John Lewis unter dem Titel The seven deadly paradoxes of cryptocurrency publiziert (im Blog bankunderground der Bank of England). Hier eine stichwortartige Zusammenfassung:

  1. Das Verstopfungs-Paradox: Je mehr Teilnehmer eine Kryptowährung verwenden, desto ineffizienter wird sie (im Gegensatz zu anderen Zahlungsmitteln, die bei zunehmender Verbreitung von Netzwerkeffekten profitieren).
  2. Das Aufbewahrungs-Paradox: Aufgrund der „distributed ledger technology“ (Blockchain) wird die Buchhaltung bei Kryptowährungen bei jedem Teilnehmer geführt. Steigt die Anzahl Benutzer oder Transaktionen um den Faktor N, so steigt der Speicherbedarf um N mal N.
  3. Das Mining-Paradox: Die Erzeugung neuer Einheiten einer Kryptowährung (und damit die Kontrolle der laufenden Transaktionen) ist nur lohnend, wenn dauernd netto Geld ins System fliesst. Versiegen die Zuflüsse, bricht der Zahlungsverkehr zusammen.
  4. Das Konzentrations-Paradox: Die Bestände an Kryptowährungen sind meist hoch konzentriert (und werden es immer mehr). So gehören 97 Prozent der Bitcoins nur 4 Prozent der Teilnehmer. Der Ausstieg eines solchen Teilnehmers würde den Kurs ins Bodenlose stürzen.
  5. Das Bewertungs-Paradox: Der Wert einer Kryptowährung (die Summe ihrer diskontierten künftigen Erträge) ist null. Der innere Wert ist (auch wenn in der „Herstellung“ Kosten anfielen) ebenfalls null. Der Marktwert beruht daher einzig auf selbsterfüllenden Prophezeihungen (die sich aber letzlich nicht erfüllen werden).
  6. Das Anonymitäts-Paradox: Sie gilt als Stärke der Kryptowährungen, ist aber eine Schwäche: Ausserhalb des Bereichs krimineller Zahlungen ist die Unkenntnis von Gegenparteien, namentlich bei intertemporalen Geschäften ein Handycap.
  7. Das Innovations-Paradox: Wer an die Zukunft der Kryptowährungen glaubt, sollte die Finger von den bestehenden Kryptowährungen lassen, da mit grosser Wahrscheinlichkeit noch eine bessere kommt, welche die bereits bestehenden wertlos macht.

Ehrendoktorat für @BatzMonika

Urs Birchler

Gestern durfte Mit-Batzerin Monika Bütler das Ehrendoktorat der Universität Luzern entgegennehmen. Sie wurde geehrt für ihre international anerkannten Arbeiten im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der Dekan, Dekan Christoph Schaltegger, würdigte die Geehrte (gekürzt; ganzer Text siehe Medienmitteilung):

Das Engagement von Monika Bütler spannt den Bogen von akademischer Forschung auf höchstem Niveau über öffentliche Beiträge zu Fragen der aktuellen politischen Debatte bis hin zur Übernahme unternehmerischer Verantwortung. Sie betreibt seit den Anfängen ihrer akademischen Karriere in überzeugender Weise den Dialog zwischen Theorie und Praxis und bringt so ihre tiefe Überzeugung zum Ausdruck, dass eine funktionierende Gesellschaft einer breit abgestützten und konstruktiven Diskussion bedarf.

Der Dekan erwähnte ausdrücklich auch Monikas Mitarbeit bei batz.ch, was uns besonders freut.