Adventskalender 12

Wir sind ein gschaffiges Völkchen. Der aktuelle Ertragsbilanzüberschuss der Schweiz wird auf 79 Milliarden Dollar geschätzt. Das heisst, jeder Bewohner unseres Landes erarbeitet pro Jahr ausländische Nettoguthaben im Wert von 10’000 Dollar.

Wenn wir so weiterwirtschaften, dann gehört uns in 700 Jahren die ganze Welt.

Allen, die denken, dass wir mit der globalen Feudalherrschaft durchaus noch etwas länger zuwarten können, lege ich eine Weihnachtsspende an Ruanda (Ertragsbilanzdefizit: 0,3 Milliarden Dollar) ans Herz.

Adventskalender 11

„Einhundert Batzen mein Gebot“. Dass Verträge Anreize schaffen, ist bekannt. Beispielsweise wird verlangt, Bankverantwortliche müssten mit ihrem Vermögen für Verluste der Bank haften. Das nachfolgende Gedicht rät zur Vorsicht im Umgang mit vertraglichen Strafen.

Der rechte Barbier

Adalbert von Chamisso (1781-1838)

„Und soll ich nach Philisterart
Mir Kinn und Wange putzen,
So will ich meinen langen Bart
Den letzten Tag noch nutzen.
Ja ärgerlich wie ich nun bin,
Vor meinem Groll, vor meinem Kinn
Soll mancher noch erzittern!

Holla! Herr Wirt, mein Pferd! macht fort!
Ihm wird der Hafer frommen.
Habt Ihr Barbierer hier im Ort?
Lasst gleich den rechten kommen.
Waldaus, waldein, verfluchtes Land!
Ich ritt die kreuz und quer und fand
Doch nirgends noch den rechten.

Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut!
Du sollst den Bart mir kratzen;
Doch kitizlig sehr ist meine Haut,
Ich biete hundert Batzen;
Nur, machst du nicht die Sache gut,
Und fliesst ein einz’ges Tröpflein Blut –
Fährt Dir mein Dolch ins Herze.“

Das spitze, kalte Eisen sah
Man auf dem Tische blitzen,
Und dem verwünschten Ding gar nah
Auf seinem Schemel sitzen
Den grimm’gen, schwarzbehaarten Mann
Im schwarzen Wams, woran
Noch schwärzre Troddel hingen.

Dem Meister wird’s zu grausig fast,
Er will die Messer wetzen,
Er sieht den Dolch, er sieht den Gast,
Es packt ihn das Entsetzen;
Er zittert wie das Espenlaub,
Er macht sich plötzlich aus dem Staub
Und sendet den Gesellen.

„Einhundert Batzen mein Gebot,
Falls du die Kunst besitzest;
doch merk es dir, dich stech ich tot,
So du die Haut mir ritzest.“
Und der Gesell: „Den Teufel auch!
Das ist des Landes nicht der Brauch.“
Er läuft und schickt den Jungen.

„Bist du der Rechte, kleiner Molch?
Frisch auf! fang an zu schaben;
Hier ist das Geld, hier ist der Dolch,
Das beides ist zu haben!
Und schneidest, ritzest du mich bloss,
So geb ich dir den Gnadenstoss;
Du wärest nicht der erste.“

Der Junge denkt der Batzen, druckst
Nicht lang und ruft verwegen:
„Nur stillgesessen! nicht gemuckst!
Gott geb Euch seinen Segen!“
Er seift ihn ein ganz unverdutzt,
Er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt:
„Gottlob! nun seid Ihr fertig.“ –

„Nimm kleiner Knirps, dein Geld nur hin;
Du bist ein wahrer Teufel!
Kein andrer mochte den Gewinn,
Du hegtest keinen Zweifel;
Es kam das Zittern dich nicht an,
Und wenn ein Tröpflein Blutes rann,
So stach ich dich doch nieder.“ –

„Ei! guter Herr, so stand es nicht,
Ich hielt euch an der Kehle;
Verzucktet Ihr nur das Gesicht
Und ging der Schnitt mir fehle,
So liess ich Euch dazu nicht Zeit;
Entschlossen war ich und bereit,
Die Kehl Euch abzuschneiden.“ –

„So, so! ein ganz verwünschter Spass!“
Dem Herrn ward’s unbehäglich;
Er wurd auf einmal leichenblass
Und zitterte nachträglich:
„So, so! das hatt ich nicht bedacht,
Doch hat es Gott noch gut gemacht;
ich will’s mir aber merken.“

Pisa: Nachlese(n)

Die neuen Pisa Resultate sind da. Und mit ihnen neben dem ewigen Messen mit Deutschland viele abenteuerliche Interpretationen. So wird das gute Abschneiden der Schweiz mit dem individualisierten Unterricht erklärt, während gleichzeitig den Siegerländern aus Asien unmenschliches und unkreatives Pauken unterstellt wird. Man liest, dass die Frühförderung der Kinder die Pisa-Leistungen verbessern würde. Oder gar, dass die Buben deshalb weniger lesen als die Mädchen, weil gute Bubenbücher fehlten. Dies alles könnte  zutreffen, muss aber nicht. Sicher ist nur, dass sich all diese Schlüsse nicht aus den Pisa-Daten ableiten lassen.

Wirklich aussagekräftig und für die Schulpolitik relevant sind die Resultate der Pisa-Studie über die Zeit betrachtet in einem bestimmten Land. So hat sich der Anteil der 15-jährigen in der Schweiz, die einen einfachen Text nicht verstehen, klar reduziert (aber ist mit 16% noch immer unglaublich hoch ). Woher kommt diese Verbesserung? Haben die Lehrer mehr Wert auf Lesen gelegt, oder hat sich an den Methoden etwas geändert? Die Schweiz integriert zudem die Ausländer gut; zwischen der zweiten Generation der Einwanderer und den Einheimischen sind keine Unterschiede mehr auszumachen.

Ein Blick über die Grenzen  liefert dennoch wichtige Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass viele Wege zu guten Pisa Resultaten führen. Unter den Spitzennationen findet sich neben asiatischen und nordischen Staaten auch Australien. Das von der Presse kaum erwähnte Land hat einen relativ hohen Anteil Migranten und dürfte von den Pisa-Spitzenreitern bezüglich Einkommen und Bevölkerungsstruktur der Schweiz am nächsten kommen. Australien gehört im Lesen und den Naturwissenschaften zur Spitze (erfolgreicher als die Schweiz). Dies trotz knapper Mittel und einer relativ späten Einschulung der Kinder mit nur einem Kindergartenjahr.

Ein Wort noch zum europäischen Sieger Finnland: Eine interessante – plausible und gleichzeitig abenteuerliche – Interpretation der hohen Lesekompetenz der Nordländer ist, dass George Clooney und Amanda Seyfried weder im Fernsehen noch im Kino finnisch sprechen, sondern in Untertiteln gelesen werden müssen. Das wäre dann doch sehr erfreulich, wenn als Folge der Pisa Resultate wenigstens die unsägliche Synchronisierung der Spielfilme abgeschafft würde.

Adventskalender 10

Hinter dem 10. Türchen versteckt sich unsere Lieblings-Ökonomenband, die Contractions,  hier repräsentiert mit dem Lied Time.

Wer nun glaubt, nur zweitklassige Ökonomen hätten Zeit, sich extracurriculären Aktivitäten (wie es in unserem Uni-Slang so schön heisst) zu widmen, täuscht sich. Fast alle der Bandmitglieder arbeiten an Top US Universitäten. Randy Wright, der Mann mit den wallenden Haaren, ist einer der weltweit führenden Ökomomen, spezialisiert auf die Anwendung von Suchtheorien auf den Geld- und Arbeitsmarkt. Im repec ranking ist er noch vor Steve Levitt (Freakonomics) und Dale Mortensen (Nobelpreisträger 2010) zu finden.

Der Name der Band leitet sich nicht aus contractions = Wehen ab (es gibt auch eine Frauenband mit dem Namen contractions). Contractions steht für einen mathematische Operation, welche insbesondere in der dynamischen Optimierung zur Anwendung kommt.

Adventskalender 9

Heute ist der Tag der heiligen Anna. Die Norweger beginnen an diesem Tag traditionellerweise mit der Zubereitung des Lutefisk, einer Fischspezialität für den heiligen Abend. Der Fisch wird in starke Lauge eingelegt (wo er zwischenzeitlich tödliche pH11 erreicht). Der Legende nach hat der Lutefisk die Norweger besonders stark gemacht.

Eine andere hierzulande wenig bekannte norwegische Spezialität, ebenfalls nicht nach jedermanns Gusto, ist die Skattelister: die Offenlegung der steuerbaren Vermögen und Einkommen der Bürger im Internet. Naiverweise dachte ich, Transparenz wäre ein Fressen für die Anhänger des Steuerwettbewerbs. Mein norwegischer Kollege warnt mich indessen: Die Gutverdienenden würden beneidet, die schlecht Verdienenden, bzw. deren Kinder, gemobbt. Ich hätte wahrscheinlich nachschauen können, was mein Kollege letztes Jahr (noch in Norwegen) versteuerte. Ich will ihn aber weder beneiden, noch bedauern. So liess ich’s denn bleiben.

Allein mit dem Vater

Die Blogleser(innen) sehen mir einen nicht-wirtschaftspolitischen Eintrag nach. Verschiedene Zeitungen, under anderem die NZZ online  und der Tagesanzeiger von heute melden den tragischen Sturz eines Mädchens von einem Balkon. Irritiert entnehme ich der Meldung, dass das Kind „allein mit dem Vater“ zu Hause war. Was heisst denn das?

Allein oder doch nicht allein? Dem Vater wird offensichtlich die Betreuung eines 5-jährigen Kindes nicht zugetraut.

Adventskalender 8

Heute vor 13 Jahren wurde den Aktionäre von UBS und Bankverein die Fusion der beiden Banken verkündigt. Vollzogen wurde sie im Juni folgenden Jahres. Unser Vorschlag: Heute abend im Kerzenschein ein bisschen conjectural history betreiben und darüber nachdenken: Wie wäre es  wohl gekommen ohne Fusion? Wie ginge es weiter? Wer lange genug in die Kerzenflamme schaut, sieht vielleicht den Schweizerischen Bankverein auferstehen …

Adventskalender 7

Zur Abwechslung wieder ein Eintrag mit nur loser Verbindung zur schweizerischen Wirtschaftspolitik. (Immerhin enthält die letzte Zeile eine durch und durch ökonomische Einsicht und lesen schadet ja ebenfalls nicht.)

Am letzten Freitag abend durften wir ein grossartiges Adventskonzert von Albrechtstrings  im Grossmünster geniessen – unser jüngerer Sohn durfte ebenfalls mitspielen. Der Mann von Eugens Geigenlehrerin und Konzertmeisterin Sandra Albrecht, Wieslaw Pulit, gab den Besuchern den folgenden irischen Segenspruch auf den Heimweg mit.

TAKE TIME
Take time to think – It is the source of all power
Take time to read – It is the foundation of all wisdom
Take time to play – It is the source of perpetual youth
Take time to be quiet – It is the opportunity to seek God
Take time to be aware – It is the opportunity to help others
Take time to love and be loved – It is God’s greatest gift
Take time to laugh – It is the music of the soul
Take time to be friendly – It is the road to happiness
Take time to dream – It is what the future is made of
Take time to pray – It is the greatest power on earth
Take time to give – It is too short a day to be selfish
Take time to work – It is the price of success

Adventskalender 6

Im Heimatland muss beginnen, was leuchten soll in Europa. Unser Chlausrätsel versucht deshalb, die Leser für die Eurodebatte mit einigen Testfragen über unsere eigene Währung, den Schweizer Franken, zu stählen. Viel Spass!

  1. Wann erhielt die Schweiz zum ersten Mal eine einheitliche nationale Währung?
    (a) 1291, (b) 1798, (c) 1848, (d) 1907.
  2. Seit wann ist der Schweizer Franken offiziell Landeswährung?
    (a) 1848, (b) 1907, (c) 1918, (d) 1936.
  3. War die Schweiz früher einmal Teil einer Währungsunion?
    (a) ab 1815, (b) ab 1848, (c) ab 1865, (d) nie.
  4. Ist die Schweiz heute Teil einer Währungsunion?
    (a)  seit 1881, (b) seit 1924, (c) seit 1980, (d) nein.
  5. Seit wann hat die Schweiz einheitliche Banknoten?
    (a) 1848, (b) 1881, (c) 1907, (d) 1936.
  6. Die Banknoten der Schweizerischen Nationalbank müssen in der Schweiz als Zahlungsmittel angenommen werden. Seit wann ist dies ordentliches Recht?
    (a) 1881, (b) 1936, (c) 1954, (d) 2000.
  7. Die gesetzliche Golddeckung des Schweizer Frankens galt
    (a) bis 1936, (b) bis 1973, (c) bis 2000, (d) sie gilt bis heute.
  8. Seit wann kann die Schweizerische Nationalbank die von ihr ausgegebene Geldmenge de facto kontrollieren?
    (a) seit 1907, (b) seit 1936, (c) seit 1973, (d) seit 2000.

Die Lösung besteht aus acht Buchstaben (von a bis d). Wen dürfen wir als Einsender(in) der ersten richtigen Lösung (an: birchler@isb.uzh.ch) feiern?