Zeit für Vernunft

Urs Birchler

Was habe ich dieser Tage gelitten. An der mangelnden Sensibilität des Nationalbankpräsidenten gegenüber im Grunde völlig unnötigen Transaktionen, aber noch mehr an den zum Teil abstrusen Kommentaren, Spekulationen und Schuldzuweisungen von allen Seiten. Dabei kümmerte sich niemand um das Offenkundige. Beispiel 1: In seiner Rücktrittsrede begann Philipp Hildebrand mit einem Dank an alle — ausser an den Bankrat. Es dauerte aber ewig, bis jemand den Reim darauf machte. Beispiel 2: Ebenfalls in der Rücktrittsrede findet sich die Behauptung, die Nationalbank könne den Dollarkurs nicht beeinflussen — kein einziger Journalist hat zurückgefragt, wie dann die Nationalbank den Eurokurs fixieren könne.

Wie eine Wohltat erscheint mir daher der Artikel von Ralph Pöner in der heutigen Ausgabe der deutschen Wochenzeitung Die Zeit: sachlich, einen Schritt auf Distanz und mit dem Blick auf das wirklich Wichtige, die Rolle der Notenbank im Staatsgefüge.

[Nachtrag: Auch die Handelszeitung vom 12. Jan. hat einige durchdachte Beiträge, beispielsweise von René Rhinow (S. 7; nicht im Internet verfügbar).]

Nummernkonti

Urs Birchler

Haben Sie nicht gewusst, dass ich für Nummernkonti bin? Ich auch nicht. Aber die neuesten Eregnisse haben eines gezeigt: Die Arbeitsteilung innerhalb einer Bank — gestützt durch die Informatik — bedingt, dass ein Dutzend Personen Zugriff zu einem Kundenkonto haben. Damit ist die Gefahr eines Lecks stets gegeben. Die geradlinige Lösung (wenn man das Bankgeheimnis nicht abschaffen will) wäre das Nummernkonto: Der Bank (d.h. 1-2 Mitarbeitern) ist der Kontoinhaber, bzw. wirtschaftlich Berechtigte, mit allen notwendigen Zusatzinformationen bekannt. Intern ist er aber nur eine Nummer. Näheres dazu im heutigen Echo der Zeit von Radio DRS.

Adventskalender 24

Urs Birchler

Vorgestern, früher Abend. Regen, Pfützen voller Lichtreklamen, hupende Autos, Verspätungsmeldungen aus den Lautsprechern der Tramhaltestellen. Nicht einmal der kleine Chor der Heilsarmee hat heute Zeit, sich dem Strom der eiligen Fussgänger entgegenzustellen.

Drinnen, in der Lebensmittelabteilung des Warenhauses duftet es nach Luxus und nach Weihnachtsabend. Mein einziger Kauf: Ein Döschen Kaviar. Ich habe noch nie im Leben Kaviar gekauft, wusste daher nur, dass er teuer ist. Aber so teuer?! Beschämt über meinen Geiz – es soll ja ein Geschenk werden – und gleichzeitig über meinen Hang zur Verschwendung entscheide ich mich schliesslich für ein Döschen (das mittlere).

Angesichts meines scheinbar mageren Einkaufs bietet mir an der Kasse eine Kundin den Vortritt an. Ich nehme gerne an, auch Zeit ist kostbar. Beim Bezahlen sehe ich eine dicke Brieftasche daliegen und erwische die rechtmässige Besitzerin gerade noch bei der Rolltreppe. Stolz über die gute Tat gebe ich meinen Kreditkarten-Pin ein und achte darauf, die eigene Brieftasche auch wirklich einzustecken. Ich danke der freundlichen Dame hinter mir nochmals fürs Vorlassen und stürze mich wieder ins Getümmel der Einkaufstaschen und Lichter.

Kaum wieder im Regen durchfährt mich der Blitz: Der Kaviar!!! Manteltaschen, Plasticsack — nichts. Ich habe, fixiert auf meine Brieftasche, das Döschen liegenlassen. Keine Zeit, mich einen Idioten zu schimpfen; zurück, Rolltreppe runtergerannt, zur Einpackzone hinter der Kasse. Noch einen Blick vor der Wahrheit steht alles still: mein Atem, mein Herz, die Zeit. Auch die Menschen. Man hat mich erwartet. Drei Gesichter — die geduldige Dame, die Kassierin und ein Kunde von der Kasse daneben — lächeln mir zu, milde wie die drei Könige dem Kinde. In ihrer Mitte liegt glänzend wie ein Geschenk mein kostbares Döschen für mich bereit. Weihnachten.

Euros nach Madrid

Urs Birchler

Die EZB bietet den Banken für die nächsten drei Jahre unlimitiertes Geld zum Referenzsatz von 1 Prozent an (bei gleichzeitiger Lockerung der Bedingungen für zulässige Pfandsicherheiten). Was erreicht sie dadurch?

Beim Kaffee zeigen mir meine Kollegen Alexandre Ziegler und Per Östberg einen Artikel aus Bloomberg, der die Antwort enthält: Spanien nahm heute 5.6 Mrd. Euro auf drei, bzw. sechs Monate auf. Beide Tranchen wurden massiv überzeichnet und gingen weg mit Zinssätzen von 1.735 Prozent, bzw. 2.435 Prozent. Am 22. November hatte Spanien für dieselben Laufzeiten noch 5.11 Prozent, bzw. 5.23 Prozent bieten müssen. Mit andern Worten: Die EZB gibt billiges Geld an die Banken, die es postwendend in höher rentierende Regierungspapiere investieren.

Kurz und schlecht: Die EZB schafft Geld, leiht dieses den Banken in der Hoffnung, dass diese es an den finanziell maroden Staat weiterleihen. Das ist sozusagen TBTF im Rückwärtsgang (die Banken retten den Staat) plus Monetisierung durch die EZB — „Quantitative Easing“ auf europäisch.

Adventskalender 17

Urs Birchler

„Der Streit um die Batzen“ — so betitelt Julius Cahn ein Kapitel seines Buches Der Rappenmünzbund von 1901. Worum ging es?

Im Jahre 1342 schlossen sich die Städte Zürich und Basel mit dem Basler Bischof und dem Herzog von Österreich zusammen unter dem Namen „Rappenmünzbund“, um eine einheitliche Währung einzuführen. Zu seinen besten Zeiten umfasste der Rappenmünzbund etwa achtzig Teilnehmer (z.B. Städte vom Oberrhein, der Nordwestschweiz und Vorderösterreichs).

Wie alle Währungsunionen zwischen souveränen Staaten vor und nach dem Rappenmünzbund litt dieser an inneren Spannungen. Namentlich störte der Zustrom von Batzen-Münzen. Zunächst versuchte es Basel mit einer Wechselkursgrenze: Für die Batzen durften nicht mehr als 9 Rappen bezahlt werden. Es folgte ein Zustrom billig geprägter Batzen. Bis im August 1820 war dieser so angeschwollen, dass Basel einen Krisengipfel einberufen musste. Dieser beschloss in der Tat, die Batzen hätten bis Weihnachten von der Bildfläche zu verschwinden. Dies taten sie nicht. Österreich stieg deshalb aus, indem es sich weigerte, genug Münzen zu prägen, um die Batzen wieder zu verdrängen. Schliesslich wurde der Rappenmünzbund 1584 aufgelöst.

Die Abbildung zeigt je einen Rappen aus Basel (Bischofsstab) und Zürich (Äbtissin des Fraumünsterklosters, die Zürcher Münzherrin).

EFTA gegen Island

Urs Birchler

Ein Kollege aus Island schickt mir soeben eine Nachricht, wonach die EFTA Surveillance Authority ihr Mitgliedland Island vor Gericht ziehen will. Island hat die britischen und niederländischen Gläubiger der konkursiten isländischen Banken noch nicht entschädigt. Die EFTA, einst stolze Konkurrenz zur EWG (der späteren EU), hat noch vier Mitglieder: Island, Norwegen, Liechtenstein und die Schweiz (die ersteren drei sind auch Teil des Europäischen Wirtschaftsraums EEA).

Von der EFTA hatte ich zur eigenen Schande seit langem nichts gehört. Und dann plötzlich die Nachricht, dass sie zugunsten zweier EU-Länder gegen ein eigenes Mitgliedland vorgehen will. Wäre ich bloss Jurist geworden!

International Private Banking Study 2011

Urs Birchler

Frisch ab Presse: Die 2011er-Ausgabe unserer alle zwei Jahre erscheinenden Studie zum Internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft, diesmal verfasst vom Viererteam Urs Birchler, Christian Bührer, Daniel Ettlin und Fabian Forrer.

Wie hat sich der Markt entwickelt? Wie haben sich die Schweizer Banken geschlagen? Wie sieht die Zukunft aus?

Dazu alles (Studie und Medienmiteilungen) hier.

Adventskalender 11

Urs Birchler

Das Lichterfest in Lyon schien der ideale Anlass zur Flucht vor einem weiteren Zürcher Einkaufssonntag. Mit einer Einkaufstasche voller Lampen ist mir nun der Bückenschlag zwischen beiden Anlässen gelungen.

Aber eigentlich wollte ich hier über die schönste Weihnachts-Einkaufs-Geschichte der Welt schreiben: Die Kurzgeschichte Das Geschenk der Weisen (The Gift of the Magi von O’Henry). Eigentlich eine Ode an die Liebe, für die Ökonomen (auch) ein Beispiel für ein Coordination Game. Die Koordination im engeren Sinn gelingt zwar nicht, aber man kann auch so perfekt scheitern, dass es erst richtig schön ist. Ideal zum gegenseitig vorlesen unter dem Christbaum. Sogar Ökonom(inn)en heulen am Schluss.