Wer hat die 2 Milliarden?

Alle fragen sich ungläubig: Wie kann eine Bank wegen eines einzelnen Händlers 2 Mrd. Fr. verlieren, ohne das Loch rechtzeitig zu bemerken? Dazu macht Jonathan Guthrie in der Financial Times eine interessante Bemerkung: Warum fliegen Händler, die zu hohe Risiken eingehen, immer nur auf, wenn der Verlustfall eintritt? Bei einem anständigen Kontrollsystem müssten auch unerklärbare Gewinne die Sirenen starten. Drum finde ich die Frage genial, die gestern mein Kollege Peter Lautenschlager gestellt hat (als Verwaltungsdirektor des Instituts hat er das Auge für institutionelle Hygiene): Wo sind eigentlich die 2 Milliarden Franken? Mit anderen Worten: Bei welchem Institut hat die Alarmanlage ebenfalls versagt?

Eines kann ich versprechen: In unserer Institutskasse sind sie nicht. Peter hätte schon die ersten 20 Franken gemerkt.

Investment Banking: Denk- und Lesepause?

Das Parlament hat es abgelehnt, noch im Rahmen der TBTF-Vorlage über die Abtrennung des Investment Banking zu debattieren. Dies gibt den Interessierten Zeit, sich ins Thema einzulesen. Ein guter Einstieg ist der Bericht der britischen Independent Banking Commission (IBC). Er entwickelt das Konzept des „ring-fencing“, d.h. eines regulatorischen Zauns zur Abgrenzung der gefährlichen Teile des Bankgeschäfts von den systemisch wichtigen Teilen.

Selbstverständlich gehen die Meinungen über den Bericht weit auseinander. Dennoch dürfte er auch für die Schweiz als Katalysator der Diskussion wichtig werden. Also: Neuer Ausdruck für den Party-talk: Ring-fencing. Vielleicht auch eine Strategie der Zürcher Polizei gegen rabiate Party-Gänger.

Investmentbanking abtrennen?

In seinem Kommentar zu meinem letzten Eintrag votiert Warren@marketobservation.com für die von SP und SVP geforderte Abrennung des Investment Banking. Anstatt (wie ich) einfach höhere Eigenmittel zu fordern, schlägt er vor: Zuerst das Geschäftsmodell, dann die dazu nowendigen Eigenmittel.

Warum glaube ich nicht an die gesetzliche Trennung des Investment Banking vom „guten“ Bankgeschäft?

  • Zunächst ist Investment Banking kaum praktikabel definierbar (ohne eine Reihe nützlicher Geschäftsarten zu verbieten);
  • Die Einhaltung des Verbots wäre sehr schwer zu kontrollieren;
  • Grosse Bankenkrisen beginnen meist nicht im Investment Banking, sondern in der guten alten Immobilienfinanzierung (siehe subprime Krise 2007). Die Regionalbankenkrise der Schweiz von 1991-94 heisst so, weil die Grossbanken die Verluste im Hypothekargeschäft durch Gewinne im Investment Banking kompensieren konnten.
  • Das Investment Banking kann das Finanzsystem auch in die Krise stürzen, wenn es nicht von den Banken betrieben wird (siehe die vom Zusammenbruch der Knickerbocker Trust Co. ausgelöste Bankenkrise der USA von 1907).
  • Ein derart tiefer Eingriff in die Geschäftsmodelle der Unternehmen wie ein Verbot des Investment Banking ist erst gerechtfertigt, wenn keine marktkonformeren Massnahmen (z.B. Eigenmittelanforderungen) helfen.

Vor allem brauchen wir das Investment Banking wohl nicht zu verbieten. Wenn wir von den Banken genügend hohe Eigenmittel verlangen (20-30% der Bilanzsumme), vergeht ihnen der Appetit auf sinnlose Risiken von selbst. Solange eine Bank für ihre Risiken selbst haftet, können uns ihre Verluste eigentlich auch egal sein.

In allen Punkten lasse ich mich gerne eines besseren belehren; das Thema ist zu wichtig für dogmatische Positionsbezüge. Und wer weiss: Wenn ein Händler dereinst in kurzer Zeit die halbe Bilanz verspielen kann, dann sind Eigenmittel tatsächlich für die Katz. Dann ist das Bankgeschäft aber kaum mehr in marktwirtschaftlichem Rahmen durchführbar.

Rettet unsere Jobs — höhere Eigenmittel jetzt!

In der Tagesschau von gestern habe ich zum Verlust bei UBS gesagt:

  • Ein Verlust von 2 Mrd., verursacht durch einen einzelnen Händler, darf auch nach dem Selbstverständnis der Banken nicht vorkommen, ohne vorher aufzufallen.
  • Es gibt offenbar kein Risikomanagement, auf das wir uns blind verlassen können.
  • Daher brauchen die Banken viel mehr Eigenmittel; mehr auch und schneller als bisher vorgesehen.

In der Nationalratsdebatte wiederholte die SVP einmal mehr, Eigenmittel seien schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit. Und richtig: Wollte nicht kürzlich sogar eine Grossbank nach London ausziehen?

Aber Moment mal: Wo sind die neusten Verluste der UBS entstanden? Wessen Konkurrenzfähigkeit haben die zu tiefen Eigenmittel gefördert? Wohl nicht diejenigen des Finanzplatzes Schweiz, der mit einem weiteren Reputationsschaden und einer unnötig geschwächten Bank dasteht.

Die Legende von den schädlichen Eigenmitteln hat Alexander Berentsen von der Uni Basel in einem früheren Eintrag kritisiert. Gedanken wirken langsam. Doch wer weiss? Vielleicht werden wir es noch erleben, dass Bankmitarbeiter auf der Zürcher Bahnhofstrasse für höhere Eigenmittel demonstrieren.

Skandal am Knabenschiessen: 1 Euro = 1 Franken!

So eine Frechheit! Die Betreiber der Punching-Ball-Maschine am Zürcher Knabenschiessen gehen offenbar davon aus, dass Schweizer siebenmal zuschlagen müssen, wo einem Europäer drei Schläge ausreichen. Doch nicht genug: Sie setzen sich auch schamlos über die Wechselkursuntergrenze der Nationalbank von 1.20 hinweg und setzen Euro und Franken keck auf pari. Zeit, dass die Nationalbank den Schlägertrupp vorbeischickt.

Das P-Wort

Am 2. September hat an der ETHZ das „Energiegespräch“ stattgefunden. Das Hintergrundpapier ist aus verschiedenen Gründen interessant. Erstens stimmt es optimistisch in bezug auf die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Energiesparen. Zweitens vermeidet es weitgehend das entscheidende Wort: den Preis. Dabei macht der Preis in der Wirtschaft den Unterschied zwischen Sein und Nichtsein — zwischen Nachfrage und blossem Wunsch. Schon Adam Smith wies darauf hin, dass auch ein armer Schlucker gerne einen Sechsspänner hätte, aber keine wirksame Nachfrage nach einem solchen ausübt (Wealth of Nations, I,7:8). Weil eben der Preis zu hoch wäre.

Weshalb fürchten die Teilnehmer an der Energiediskussion das P-Wort wie der Teufel das Weihwasser? Es scheint, die eine Seite will sich den Sechspänner nicht nehmen lassen und spricht statt von der (preisabhängigen!) Nachfrage lieber von „Bedarf“ oder der „sich abzeichnenden Versorgungslücke“ (www.energiedebatte.ch). Die andere Seite möchte den Sechsspänner lieber gleich verbieten und weiss daher mit dem Preis auch nichts anzufangen. Ein grüner Ständeratskandidat bloggt deshalb: „Private Verbraucher wissen oft nicht einmal über ihre Stromkosten Bescheid. Erhöhte Strompreisen mögen zwar als politische Drohkulisse eine Wirkung haben. Aber die Privat-Verbraucher, welche bewusst nicht aus ökologischen, sondern aus monetären Gründen Strom sparen, sind wohl spärlich gesät. Und sie würden es auch bleiben, wenn der Strompreis doppelt so hoch wie heute wäre.“

Kurz: Die einen hassen den Preis, weil sie ihn nicht bezahlen wollen, die andern, weil sie lieber Vorschriften verwalten.

Der letzte Marktwirtschafter möge dann bitte das Licht löschen.

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Andere Batz-Artikel zur Energiediskussion:
https://batz.ch/2011/07/heizpilz-mit-kuhlem-kopf/
https://batz.ch/2011/07/die-kreative-co2-buchhaltung-der-sbb/
https://batz.ch/2011/07/ich-bin-auch-ein-heizpilz/
https://batz.ch/2011/06/ausstieg-aus-der-okonomischen-vernunft-i/
https://batz.ch/2010/09/weil-noch-das-lampchen-gluht/

Griechenland: Trick 27

Das gestern geschnürte EU-Paket sieht (wenn wir die z.T. vagen Vereinbarungen richtig verstehen) u.a. vor, dass griechische Schulden

  1. zum Teil in längerfristige (bis 30 Jahre) Schulden umgetauscht werden;
  2. zum Teil am Markt zu Marktpreisen zurückgekauft werden.

Beide Massnahmen haben eine Wirkung gemeinsam: Sie helfen jenen Gläubigern, die ihre Papiere weder umtauschen, noch verkaufen. Wenn Sie der letzte Gläubiger sind, der noch zweijährige Papiere hält, nachdem alle andern in 30-jährige Bonds gewandelt haben, können Sie sich die Hände reiben: Die Rückzahlung ihrer Guthaben ist gesichert. Genau gleich der letzte Inhaber eines Griechenland-Bond, der nicht zu Marktpreisen von 50 oder 80 Prozent an den Europäischen Stabilitätsfonds verkauft: Er bekommt sein Guthaben am Ende voll zurück. Zur Illustration ein Rechenbeispiel aus Monika Bütlers Vorlesung. Und zur Vertiefung ein Artikel von Stijn Claessens und Giovanni Dell’Ariccia.

Profitieren wird also von den beiden erwähnten Massnahmen nicht in erster Linie Griechenland, sondern jene Gläubiger, die bei der Verlängerung oder dem Verkauf nicht mitmachen. Claessens und Dell’Ariccia schreiben klar: „Buybacks may … appeal to governments that want to support their domestic creditors.“ Im Falle der EURO-Länder wären dies Banken und die EZB selber. Zahlen wird jene Griechenland-Gläubiger, die freiwillig oder unfreiwillig verkaufen oder verlängern.

Nachsatz: Je tiefer der Marktpreis der griechischen Schulden, desto billiger kommen Rückkäufe die EU zu stehen. Drum darf man sich in Brüssel und Frankfurt ausnahmsweise darüber freuen, dass Fitch Griechenland heute auf „Default“ gesetzt hat. Rating-Agenturen sind nicht immer böse … (batz.ch schon).

Hellseher Hellwig

Den Ökonomen wird die ganze Zeit vorgeworfen, sie hätten nichts vorausgesehen. Mindestens in bezug auf die Euro-Krise stimmt dies nicht. Prof. Martin Hellwig hat in der Jubiläumsschrift 100 Jahre SNB (Abschnitt 17) gewarnt. Hochanständig, wie es seine Art ist, aber sehr deutlich, wenn man ihn kennt. Zum EU-Krisenmechanismus schreibt er: „However, I have serious doubts about the viability of the arrangement.“ (S. 817). Der Artikel liest sich wie eine Vorahnung der Ereignisse dieser Tage. Er schliesst: „If the crisis transcends the capacity of a single Member State, the ECB would seem to be the only institution that could serve as a lender of last resort. As yet, however, it is politically incorrect to think of the ECB in these terms. This makes me wonder about the viability of the coordination of the central banks’ interventions in such a crisis, as well as the timeliness and effectiveness of the intervention itself.“ (S. 820) Natürlich haben andere ähnliches gesagt. Nur hingehört hat keiner.