Urs Birchler
Im Interview mit der NZZ spricht der CEU der UBS, Sergio Ermotti, „Klartext“. Er gibt an, zu der vom Bundesrat vorgeschlagenen Erhöhung der Eigenmittel der UBS müsste diese „13 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kernkapital aufbauen. Die jährlichen Zusatzkosten durch die CS-Akquisition würden sich damit auf 2 Milliarden Dollar belaufen. Jedes Jahr 2 Milliarden.“
Ein grobes Foul
„Penalty!“, würde der VAR entscheiden — wenn es ihn denn gäbe. Ermottis Behauptung ist haarsträubend. Kapital bilden, anstatt das Geld an die Aktionäre auszuzahlen, bedeutet keine „Zusatzkosten“. Wer einen Fünfliber — anstatt ihn für einen Kaffee auszugeben — ins Sparsäuli klingeln lässt, hat dadurch keine Kosten. Legt eine Bank, anstatt den Aktionären Dividende zu zahlen, das Geld für schlechte Zeiten zur Seite als zusätzliches Eigenkapital, entstehen ihr ebenfalls keine Kosten.
„Bestohlene“ Aktionäre?
Aber die Aktionäre, die keine Dividende bekommen? Auch ihnen entstehen keine Kosten. Den Aktionären kann es ziemlich egal sein, ob die UBS Dividende zahlt oder Kapital bildet. Natürlich ist es schön, wenn eine Unternehmung gut läuft und überhaupt Dividende zahlen kann. Aber ob sie das verdiente Geld ausschüttet oder nicht, spielt keine grosse Rolle — es gehört in beiden Fällen den Aktionären und Aktionärinnen. Bei der Dividende langt noch die Steuerbehörde zu; wer statt Dividende zu kassieren, ein paar Aktien verkauft, fährt deshalb eigentlich besser.
Wortschwindel
Die von der UBS bejammerten „Kosten“ sind also in Wirklichkeit gar keine. Das Hauptargument der UBS für die Ratsdebatte von übermorgen Mittwoch ist ein Schwindel.
Sind unsere Parlamentarier so naiv, dass sie auf die UBS-Gleichung „Ersparnis = Kosten“ reinfallen? Offenbar zweifelt CEO Ermotti selbst. Immerhin hat es in beiden Räten Geschäftsleute, Bauern und andere, die rechnen können. Und an gesundem Menschenverstand mangelt es auch nicht. Doch Ermotti traut ihnen nicht. „Wenn sie [die Parlamentarier] zweifeln, dann werden sie möglicherweise den falschen Knopf drücken. Deshalb ist es mir wichtig, hier die richtigen Informationen zu liefern.“ Dies scheint nötig: „Die Fakten wurden ihnen [den Parlamentariern] teilweise nicht richtig dargestellt“.
Das postfaktische Zeitalter?
Ermotti beklagt, „wie weit wir uns von einer vernünftigen und faktenbasierten Diskussion entfernt haben.“ Da kann ich ihm nur beipflichten.
P.S.: Warum ich mich berechtigt fühle, hier nochmals das Wort zu ergreifen? CEO Ermotti beklagt: „Dann gibt es eine ganze Reihe von Experten, die jahrelang geschwiegen haben zur CS. Und heute melden sich alle zu Wort.“ Da darf ich anfügen: Meine erste Motzerei zur CS, die ich in der Schnelle finden konnte, stammt immerhin aus dem Jahr 2012. Sie kritisierte den Return on Equity; eine Grösse, von der CEO Ermottis Bonus auch heute noch abhängt. Das Eigenkapital (equity) steht im Nenner; drum sollte es für einen grossen Bonus möglichst klein sein — egal was die Eidgenossenschaft dabei riskiert. Drum hat CEO Ermotti recht, wenn er sagt: „Denn es geht um mehr als die UBS oder den Finanzplatz. Es geht um die Schweiz.“
P.S.S: Weshalb die NZZ, die ein solches Interview ohne Gegenfragen, ohne Einordnung und ohne Gegenposition publiziert, und wie das zu ihren Sonntagsreden zum Thema „Liberalismus“ passt, möge ihr Geheimnis bleiben.
