Die meisten Sozialversicherungen, insbesondere die Alterssicherungssysteme, haben teilweise gravierende Finanzierungsprobleme. Als eine mögliche Lösung wird ein Wechsel von der heutigen Mischindexierung der Renten zu einer reinen Preisindexierung vorgeschlagen. Was auf den ersten Blick überzeugend wirkt, erweist sich auf bei genauerer Betrachtung allerdings als tückisch. Dabei geht es nicht nur um die von linken Parteien befürchtete Zunahme der Armut im Alter und bei Invalidität – diese Befürchtung hat sich in Grossbritannien nach Margaret Thatcher ja durchaus bewahrheitet. Ein anderer Mechanismus spricht ebenso dagegen. In Krisenzeiten, wenn die Finanzierung der Sozialleistungen ohnehin am schwierigsten ist, kann eine reine Preisindexierung sehr teuer werden. Nämlich dann, wenn die Preise steigen, die Nominallöhne aber konstant bleiben.
Die Kaufkraft der Alters- und Invalidenrenten sinkt, wenn die Renten nicht periodisch der Preisentwicklung angepasst werden. Es gibt dabei grundsätzlich zwei Arten der Indexierung an die Teuerung:
1) Preisindexierung: Die Rentenhöhe in Franken wächst mit der gleichen Rate wie die Kosten des vom Bundesamt für Statistik zur Messung der Teuerung verwendeten Warenkorbs. Nicht berücksichtigt wird dabei, dass Rentner oft nicht denselben Warenkorb konsumieren wie die Durchschnittsbürger.
2) Lohnindexierung: Die Renten wachsen mit gleicher Rate wie die Nominallöhne. Eine Erhöhung der Löhne reflektiert nicht nur die Teuerung, sondern auch das Produktivitätswachstum. Bei einer Lohnindexierung profitieren auch die Nichterwerbstätigen von der Verbesserung des Lebensstandards.
Die Schweiz und viele andere Länder verwenden einen Mischindex. Dieser berücksichtigt je zur Hälfte die Entwicklung des Landesindexes der Konsumentenpreise und das Wachstum der Nominallöhne. Bei positivem (realen) Wirtschaftswachstum ist das Lohnwachstum in der Regel grösser als das Preiswachstum. Ein Mischindex „kostet“ somit im Durchschnitt mehr als eine reine Preisindexierung. Daher auch der Vorschlag, zu einer reinen Preisindexierung überzugehen.
Doch die Durchschnittsbetrachtung vernachlässigt eine wichtige Komponente der Wirtschaftsentwicklung. Es gibt gute Zeiten mit hohem Wirtschaftswachstum und schlechte Zeiten mit Stagnation oder gar Krisen. Für eine optimale Politik muss daher auch berücksichtigt werden, dass die Reallöhne in der Zukunft geringer ausfallen könnten als heute. Steigen die Preise beispielsweise um 5% bei konstanten Nominallöhnen, so führt eine reine Preisindexierung der Renten zu einer massiven Mehrbelastung der ohnehin schon unter Reallohneinbussen leidenden Erwerbsbevölkerung. Die Renten werden angepasst, während die Aktiven nicht nur einen Rückgang der Kaufkraft ihrer Löhne zu verkraften haben sondern auch noch viel höhere Sozialversicherungskosten berappen müssen.
Ökonomisch gesprochen ist ein zusätzlicher Franken in Krisenzeiten „mehr wert“ als in guten Zeiten. Diese Intuition findet auch ihren Niederschlag in der Marktbewertung der impliziten Verpflichtungen der Sozialversicherungen. Eine reine Preisindexierung der Renten ist aktuarisch gesehen zwar billiger. Steve Zeldes, Professor an der Columbia University zeigte jedoch, dass eine Lohn- oder Mischindexierung der Renten bei einer Marktbewertung der künftigen Verpflichtungen billiger sein kann als eine reine Preisindexierung, wenn die (geringe) Wahrscheinlichkeit von Krisen berücksichtigt wird. Das obige Beispiel ist also durchaus relevant.
Für gute Zeiten vorzusorgen ist einfach – wenn das Wirtschaftswachstum grösser ist als erwartet, können wir uns eine Lohn- oder Mischindexierung eher leisten. Doch gerade die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass wir vor allem für schlechte Zeiten vorsorgen müssen. In solchen Zeiten kann eine reine Preisindexierung teuer werden.
Eine reine Preisindexierung führt damit tendenziell zu einer Verarmung der Rentner in guten Zeiten und zu einer massiven Mehrbelastung der Erwerbsbevölkerung in schlechten Zeiten. Als Lösung für die anstehenden Finanzierungsprobleme der Sozialversicherungen ist der Übergang zu einer reinen Preisindexierung somit nicht geeignet. Für das Finanzierungsproblem müssen andere Lösungen gesucht werden. Eine Mischindexierung der Renten, wie sie in der Schweiz angewandt wird, scheint mir eigentlich recht optimal. Sie ist nicht nur ökonomisch sinnvoll als „worst-case“ Versicherung, sondern lässt Aktive und Passive am Erfolg aber auch den Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung partizipieren. Nach dem Motto „Share the gain, share the pain“.
Hier der Link zum Aufsatz von Steve Zeldes (nicht ganz einfach zu lesen).